Leitartikel Eine Chance für Europas Jugend

Die hohe Jugendarbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern hat vor allem strukturelle Ursachen. Junge Menschen kommen zum Beispiel nur schwer in den Arbeitsmarkt, wenn ältere Arbeitnehmer nahezu unkündbar sind. Nur mit finanziellen Mitteln ist das Problem deshalb nicht zu lösen.

Lothar Semper

In den ersten Julitagen hat sich die europäische Politik mit einer der zentralen Zukunftsfragen für Europa befasst, nämlich dem Abbau der Jugendarbeitslosigkeit. Die aktuellen Daten dafür hatte das Statistische Amt der EU vorgegeben.

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

In den 27 EU-Ländern waren im Mai dieses Jahres insgesamt 5,5 Millionen junge Menschen arbeitslos. Die nied­rigs­ten Jugendarbeitslosenquoten nach Zählweise der EU verzeichneten Deutschland, Österreich (8,7 Prozent) und die Niederlande (10,6 Prozent). Die höchs­ten Quoten meldeten Griechenland (59,2 Prozent im März 2013), Spanien (56,5 Prozent) und Portugal (42,1 Prozent).

Eine Frage der Betrachtung

Auf den ersten Blick erschrecken diese Zahlen. Aber sie sind doch zu relativieren. Denn Schüler und Studierende aus der Altersgruppe der unter 25-Jährigen sind dabei nicht erfasst. Die hohen Arbeitslosenquoten bei jungen Menschen beziehen sich also nur auf diejenigen, die dem Arbeitsmarkt tatsächlich zur Verfügung stehen. Trägt man dem Rechnung, so beträgt die Arbeitslosenquote in Spanien bei den 15- bis 25-Jährigen nicht mehr über 56 Prozent, sondern nicht einmal mehr die Hälfte davon, nämlich gut 20 Prozent. Laut dem Ökonomen Daniel Gros stehen in Griechenland gerade neun Prozent dieser Altersgruppe dem Arbeitsmarkt zur Verfügung – und nur auf sie bezieht sich die hohe dortige Quote von fast 60 Prozent.

Damit soll das Problem der Jugendarbeitslosigkeit nicht verniedlicht werden. Aber es stellt sich insgesamt doch etwas anders dar. Ob sich die Berliner Konferenz zur Jugendbeschäftigung um diese Feinheiten gekümmert hat, geht aus den veröffentlichten Papieren nicht hervor. Man versucht, dem Problem nun mit einer Art Rettungsschirm für die jungen Menschen beizukommen. Acht Milliarden sollen in den nächsten Jahren dafür aufgewendet werden, Jugendlichen eine Perspektive am Arbeitsmarkt zu geben. Hinzu kommen weitere Mittel der Europäischen Investitionsbank als Kredite insbesondere an kleine und mittlere Unternehmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Jugendliche.

Beschäftigung lässt sich nicht verordnen

Sind das nun die geeigneten Rezepte, um dem Problem beizukommen? Wohl nur teilweise, denn sie ändern nichts an den strukturellen Ursachen dafür, dass junge Menschen schlechter im Arbeitsmarkt unterkommen. Wenn – wie in etlichen Ländern – ältere Arbeitnehmer nahezu unkündbar sind, dann befördert dies nicht unbedingt die Chancen der Jungen. Gleiches gilt, wenn die Lohnzusatzkosten eine dramatische Höhe erreicht haben. Das wirtschaftlich schwerwiegendste Gegenargument dürfte sein, dass sich Beschäftigung nicht verordnen lässt. Teure Programme dazu führen in der Regel nur zu Strohfeuereffekten. Deshalb geht es auch völlig am Thema vorbei, wenn man wie der SPD-Kanzlerkandidat eine Pro-Kopf-Betrachtung anstellt und damit das Acht-Milliarden-Euro-Programm als deutlich zu wenig abtut.

In Zeiten knapper Kassen ist intelligenter Mittel­einsatz gefragt. Für nachhaltige Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen ist mehr nötig, insbesondere Investitionen in eine wachsende Wirtschaft – auch durch entsprechende Rahmenbedingungen bei Steuern und Abgaben.

Bei jungen Menschen kommt noch eines hinzu: Sie tun sich am Arbeitsmarkt umso leichter, je passgenauer ihre Ausbildung ist. Theorielastige schulische Berufsausbildung ist da eher ein ziemliches Hindernis. Die besten Startvoraussetzungen bietet die enge Verzahnung der Lernorte Betrieb und Schule, wie sie das deutsche duale System bietet. Dies lässt sich unbestritten nicht von heute auf morgen installieren, zumal es für viele Länder einen erheblichen Kulturwandel bedeutet. Aber mit den europäischen Milliarden ließe sich zumindest ein guter Anfang machen, um die erforderlichen Strukturen aufzubauen und Europas Jugend die Chance zu geben, die sie verdient.