Kommentar Spanische Erfolgsgeschichten

Hohe Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Fachkräftemangel in Deutschland: Betrachtet man Europa als Ganzes, so bietet es sich an, zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften einen Ausgleich zu schaffen. Erste Erfahrungen lassen hoffen, dass alle davon profitieren.

Lothar Semper

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

Die Arbeitsmarktzahlen, die das Statistische Amt der EU allmonatlich veröffentlicht, sind schwer verdauliche Kost. So beträgt die Arbeitslosenquote in Spanien 26,3 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt sogar bei unvorstellbaren 55,7 Prozent. Mehr als jeder Zweite unter 25 Jahren ist also arbeitslos. In einigen anderen Staaten sieht es nur wenig besser aus.

Auf der anderen Seite unser Land, wo die Jugendarbeitslosigkeit niedrig ist und sich ein dramatischer Fachkräftemangel abzeichnet. Betrachtet man Europa als Ganzes, so bietet es sich an, zwischen Angebot und Nachfrage nach Arbeitskräften einen Ausgleich durch Wanderung zu schaffen. Die rechtlichen Voraussetzungen sind durch Niederlassungsfreiheit und Arbeitnehmerfreizügigkeit gegeben.

Win-win-Situation für alle

Aber neben den rechtlichen Aspekten spielen natürlich noch andere Überlegungen eine Rolle. Gerade für junge Menschen ist ein Ortswechsel über viele hundert Kilometer kurzfristig reizvoll, aber langfristig eine schwierige Angelegenheit. Aufpassen muss man auch, dass bei den Krisenländern nicht der Eindruck entsteht, ihnen würden die besten Kräfte abgeworben und es ihnen damit auch noch erschwert, aus der Krise herauszukommen.

Aber es lassen sich Lösungen finden, die für alle zu einer Win-win-Situation werden. Es profitieren die Menschen, die zu uns kommen, genauso wie ihre Heimatstaaten und Deutschland. Derzeit laufen etliche Bemühungen, Lehrlinge oder ausgebildete Arbeitskräfte aus Spanien zu akquirieren. Ähnliches ist aber auch für andere Regionen denkbar und wird teils auch schon praktiziert.

Die ersten Erfahrungen geben Anlass zur Hoffnung, dass daraus Erfolgsgeschichten werden; und zwar sowohl bei Jugendlichen, die zur Ausbildung kommen, wie auch bei bereits Ausgebildeten. Eine größere Hürde sind die Sprachkenntnisse. Berufliche Defizite sind durch Nachqualifizierungen leichter auszugleichen.

Aber durch konzertierte Aktionen aller relevanten Akteure – angefangen vom Goethe-Institut für Sprachkurse vor Ort bis hin zu den handwerklichen Bildungszentren bei uns für das Vermitteln noch fehlender beruflicher Kenntnisse und Fertigkeiten – lässt sich dies alles bewerkstelligen.

Duale Ausbildung schützt

Auf lange Sicht wird ein Teil der dann in Deutschland Ausgebildeten wie auch der hier beruflich Tätigen wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Das Knowhow, das sie mitbringen, kann dort nur von Nutzen sein. Die Rückkehrer werden auch überzeugte Botschafter für das duale System der Berufsausbildung in Deutschland sein.

Es ist mittlerweile unbestritten – aber in der EU dauert manches etwas länger –, dass die Kombination aus Ausbildung in Betrieb und Berufsschule der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist.