Leitartikel Wir müssen wachsen

Die Debatte um das Ende des Wachstums bringt nichts. Wirtschaftswachstum ist entscheidend für unseren Wohlstand. Aber wir dürfen Umweltschutz, Bildung und Altersarmut nicht verdrängen.

Burkhard Riering

Geht es uns zu gut? Sind wir zu satt? In Deutschland macht sich Skepsis breit über den Begriff des Wachstums. Stetiges Wachstum, das ewige Streben nach Wohlstand, sei im 21. Jahrhundert doch überholt, heißt es von Kritikern. Die Probleme seien heute ganz andere als noch im 20. Jahrhundert.

Burkhard Riering, Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Zeichnung: Kasia Sander
Burkhard Riering

Aber was wäre die Alternative? Nicht mehr wachsen? Das bedeutet Stagnation, und Stagnation bedeutet am Ende Rückschritt. Ein Baum, der nicht mehr wächst, stirbt. Was aber wächst, wird kräftiger und stärker, und kann so auch Stürme und Dürren bestehen.

Mehr Umweltschutz, mehr Bildung

Wachstum und Wohlstandswille sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unser Antrieb, um die Welt ein bisschen besser zu machen. Alle Erfindungen und Innovationen, alle Forschungen, die uns im Leben helfen, beruhen auf dem Streben nach diesem Mehr, diesem Weiter, diesem Wissenwollen.

Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte jüngst eine Enquetekommission eingesetzt, um nach einer alternativen Wohlstandsmessung zu forschen. Heraus kamen jetzt durchaus kluge Gedanken: Nicht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) allein – also das Gesamtvolumen an hergestellten Produkten und Dienstleistungen – ist mehr das Maß aller Dinge. So einfach ist die Welt nämlich heute nicht mehr.

Wir müssen künftig genauso ökologische und soziale Aspekte berücksichtigen. Umweltschutz, Einkommensverteilung, Staatsverschuldung, Bildung, Gesundheit – dies alles ist so wichtig geworden, dass es in einem Wohlstandsindex nicht fehlen darf. Das BIP allein ist eine abstrakte Zahl.

Wohlstand kommt von Wachstum

Dennoch steht außer Frage: Wachstum und Wohlstand gehören zusammen, sie müssen sein. Es wäre töricht, darauf zu verzichten. Dass die Debatte dennoch den Nerv der Zeit trifft, liegt daran, dass viele Menschen das Gefühl haben, vom Wirtschaftswachstum profitierten nur einige, der Wohlstand sei ungleich verteilt. Im vergangenen Jahrzehnt hat es eine lange Zeitspanne gegeben, in denen die Reallöhne sanken – trotz des zeitweise guten Wachstums.

Doch auch um die gegenwärtigen Probleme in Deutschland zu bewältigen, sind Wachstum und Streben nach Wohlstand die besten Mittel. Thema Hartz IV: Wachstum bedeutet Beschäftigungsaufbau. Thema Kinder: Wachstum bedeutet bessere Bildung. Thema Altersarmut: Wachstum bedeutet bessere Altersvorsorge.

Gerade Stagnation trifft ja in Wirklichkeit nur die unteren Einkommensschichten. Wenn das Gehalt des Konzernmanagers für einige Jahre stagniert, wird er dennoch sein Brot nicht trocken essen müssen. Wenn der geringverdienende Gelegenheitsjobber nicht über die Jahre mehr verdient, wird er von der Inflation hart bestraft. Entscheidend ist, dass wir nicht auf Kosten unserer Umwelt wachsen. Augen zu und durch – das geht nicht mehr.

Probleme bewältigen

Doch auch die Energiewende, das ökologische Umsteuern, ist doch ohne Wachstum nicht möglich. Nur durch die Innovationen der Unternehmen und den Willen des Handwerks wird die Versorgung mit erneuerbaren Energien immer besser. Und nur durch Wachstum kann sich die Bevölkerung die Mehrkosten – von der Stromrechnung bis zur Anschaffung stromsparender Geräte – auch leisten.

Das alles ist möglich im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft. Die Politik muss dafür die Richtung vorgeben. Und sie muss die Menschen mitnehmen, die immer größere Zweifel haben.