Kommentar Potenziale ausschöpfen

Die Ziele des Ausbildungspakts sind erreicht: Sowohl die Zahl der Ausbildungsplätze als auch die der Ausbildungsbetriebe ist gestiegen. Für Unternehmen wird es jedoch schwieriger Nachwuchs zu finden. Ein wichtiger Ansatzpunkt müssen die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sein.

Lothar Semper

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

Die Partner des Ausbildungspakts haben Bilanz über das zweijährige Bestehen des neuen Ausbildungspakts gezogen. Die Ziele wurden voll erreicht. Sowohl bezüglich der Zahl neuer Ausbildungsplätze wie auch neu gewonnener Ausbildungsbetriebe übertraf die Wirtschaft ihre Zusagen deutlich.

So weit, so gut. Viele Betriebe bilanzieren nämlich mittlerweile anders. Für sie ist der Ausbildungsstellenmarkt insofern unausgewogen, als sie ihre angebotenen Plätze nicht mehr besetzen können. Fakt ist allerdings, dass sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Denn aufgrund des demographischen Wandels wird die Zahl der Schulabgänger in den nächsten Jahren kontinuierlich abnehmen.

Im Jahr 2012 waren es deutschlandweit bereits 1,8 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ging mit 3,2 Prozent sogar noch deutlicher zurück.

Nicht den Kopf in den Sand stecken

Da die Lehrlinge von heute die Fachkräfte, Meister sowie Existenzgründer und Betriebsübernehmer von morgen sind, muss das Handwerk vorgewarnt sein. Denn gerade dieser Wirtschaftsbereich ist wegen seiner hohen Arbeitsintensität dringend auf die menschliche Arbeitskraft angewiesen. Es wäre verkehrt, vor den Fakten die Augen zu verschließen oder wegen Aussichtslosigkeit den Kopf in den Sand zu stecken.

Der Ansatz des Ausbildungspakts, im Thema Ausbildung eine Gemeinschaftsaufgabe aller beteiligten Akteure zu sehen, ist richtig und wichtig. Ziel muss es sein, die Potenziale von Jugendlichen – und zwar quantitativ wie qualitativ – noch besser zu erschließen. Da liegt durchaus noch einiges brach.

Aus Sicht des Handwerks kommt einer umfassenden Berufsorientierung in der Schule eine hohe Bedeutung zu. Denn noch allzu oft beginnen die Jugendlichen mit völlig falschen Vorstellungen über Berufe und das Arbeitsleben eine Ausbildung. Wer eine Schnupperlehre absolviert hat, bricht später auch seltener seine Ausbildung ab.

Ausbildung eröffnet Perspektiven

Ein wichtiger Ansatzpunkt müssen die Jugendlichen mit Migrationshintergrund sein. Sie sind bislang deutlich weniger in Ausbildung als gleichaltrige deutsche Jugendliche. Hier kommt es auch entscheidend darauf an, die Eltern dieser Jugendlichen in die Berufsfindung miteinzubeziehen.

Generell aber muss allen Eltern noch mehr bewusst gemacht werden: Das Erlernen eines Berufs ist keine Sackgasse, sondern eröffnet alle Perspektiven bis hin zu einem Hochschulstudium.

Das Handwerk hat jedoch derzeit noch einen Vorteil: In keinem anderen Wirtschaftsbereich ist die Ausbildungsintensität so hoch wie hier. Es müsste eben nur besser gelingen, die Ausgebildeten später auch im Handwerk zu halten.