Auch das Handwerk leistet einen wichtigen Beitrag zur Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Nun könnte das Projekt "duale Berufsausbildung" als nächster Schwerpunkt der deutsch-französischen Partnerschaft folgen.
Lothar Semper

Am 22. Januar 2013 hat sich zum 50. Mal die Unterzeichnung des so genannten Élysée-Vertrages gejährt, der den Beginn einer friedlichen Partnerschaft zwischen Frankreich und Deutschland markiert. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie es um die Beziehungen beider Länder vorher bestellt war, so war dieses Abkommen eine wahre und historische Meisterleistung von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer. Es traf sich seinerzeit gut, dass es zu ihrem Lebenszielen gehörte, ihre beiden Heimatländer wieder auszusöhnen.
Phase leidenschaftlicher Vernunft
Und das war auch dringend nötig. Das feindliche Verhältnis der Nachbarstaaten in den Jahrzehnten vorher wird von Historikern gerne mit dem Begriff Erbfeindschaft umschrieben. In Kriegen mussten abertausend Soldaten auf beiden Seiten ihr Leben lassen. Dass nach dieser Vorgeschichte eine Aussöhnung mit Frankreich – nach dem Zweiten Weltkrieg aber auch mit vielen anderen Staaten gelang, gehört zu den historischen Wundern unserer Zeit.
Dass die Franzosen dabei auch das Ziel verfolgten, Europa von den Vereinigten Staaten unabhängiger zu machen, schmälert das Verdienst in keiner Weise. Ohne den Élysée-Vertrag hätte es weder EU noch deutsche Wiedervereinigung geben können.
Wie in jeder Beziehung, so knirscht es natürlich ab und zu auch zwischen Deutschland und Frankreich. Bundestagspräsident Lammert charakterisierte dies so: "Im Augenblick befinden sich unsere beiden Länder eher in einer Phase der leidenschaftlichen Vernunft als der romantischen Verliebtheit."
Auch das Handwerk kann für sich in Anspruch nehmen, die deutsch-französische Aussöhnung mit Leben erfüllt zu haben. Schon bei der Internationalen Handwerksmesse 1963 gab es ein Treffen der Präsidenten der deutschen und der französischen Handwerkskammern. Daraus entstanden zahlreiche Partnerschaften, die auch heute noch gepflegt werden. In diesem Jahr wird es ebenfalls ein deutsch-französisches Kammertreffen geben.
Zu den wichtigen Elementen der Partnerschaften gehört der Lehrlingsaustausch. Gerade auf die jungen Menschen kommt es ja an, damit Freundschaft und Zusammenarbeit zur Dauereinrichtung werden können. Dazu leistete vor allem das Deutsch-Französische Jugendwerk einen unschätzbaren Beitrag. An den bisher über 300.000 Austauschprojekten waren mehr als acht Millionen Jugendliche beteiligt.
Berufsausbildung als Schwerpunkt der Partnerschaft
Die Handwerkskammern in beiden Ländern handeln zwar auf unterschiedlichen Rechtsgrundlagen. Handwerk ist in Frankreich anders definiert und die Kammern sind keine so eigenständigen Selbstverwaltungsorgane. Aber dennoch sollte sie eines einen: der Einsatz für faire Wettbewerbsbedingungen zugunsten der kleinen und mittleren Unternehmen und deren Förderung durch Bildung und Beratung.
Ganz besonders aber kommt es darauf an, in der Europäischen Union noch stärker zusammenzuarbeiten. Denn es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass in Brüssel mehr als in Paris und Berlin die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gestaltet werden. Hier müssen sich die kleinen und mittleren Unternehmen über ihre Organisationen noch deutlich mehr Gehör verschaffen.
Anlässe dafür gibt es mehr als genug. Einer ist das System der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Hohe Jugendarbeitslosenquoten – auch in Frankreich – müssen erhebliche Sorge bereiten. In Frankreich selbst übrigens gibt es aus der Praxis folgende Erkenntnis: Junge Menschen, die eine Ausbildung im dualen System durchlaufen, sind deutlich seltener danach arbeitslos als ihre Altersgenossen, die eine schulisch geprägte Berufsausbildung absolvierten. Wie wäre es mit einem Projekt "duale Berufsausbildung" als nächstem Schwerpunkt der deutsch-französischen Partnerschaft?