Leitartikel Konjunktur mit Risiken

Das Handwerk profitiert von der stabilen Binnennachfrage in Deutschland. Was fehlt, sind jedoch die richtigen Impulse aus der Politik.

Lothar Semper

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

Die Herbstzeit ist alle Jahre wieder auch die Zeit der Prognosen – mit Rückblick auf das noch laufende und Vorausblick auf das kommende Jahr. Dass es gesamtwirtschaftlich derzeit nicht mehr so ganz rundläuft, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Und das ist auch nicht verwunderlich angesichts der Rezession in einigen Euro-Ländern und der schwächelnden Nachfrage in asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländern.

Die Bundesregierung erwartet für 2012 wie auch der Sachverständigenrat und die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute ein Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent. Dieses wird wesentlich von der Binnennachfrage getragen. Das kommt auch dem Handwerk zugute.

Im Handwerk ist allerdings eine Diskrepanz zwischen den amtlichen Umsatzzahlen einerseits und der Stimmung der Betriebe andererseits festzustellen. Letztere ist prächtig: Der Geschäftsklimaindex ist mit 87 Punkten deutschlandweit nach wie vor auf einem sehr hohen Stand. Nach den Daten der amtlichen Statistik ist für das  Gesamtjahr aber wohl von einem leichten Rückgang des handwerklichen Umsatzes gegenüber dem Vorjahr auszugehen.

"Kaum mehr zu toppen"

Dies verwundert allerdings nicht, wenn man sich daran erinnert, dass 2011 mit einem Umsatzwachstum von nominal 7,2 Prozent ein Rekordjahr war. Mit den vorhandenen personellen und betrieblichen Ressourcen wäre dieses Ergebnis auch kaum mehr zu toppen.

Hier wirken zwei Tendenzen: Zum einen wurden im Handwerk über viele Jahre hinweg erhebliche Kapazitäten abgebaut. Zum anderen wird es angesichts des Fachkräftemangels zunehmend schwerer, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Wie geht es nun 2013 weiter? Gesamtwirtschaftlich wird es wohl nur zu einem Wachstum reichen, das dem des laufenden Jahres entspricht. Dazu ist die Weltkonjunktur, insbesondere aber die in Europa, noch zu labil.

Für das Handwerk positiv zu sehen ist, dass die Vorhersagen für das kommende Jahr von einer leicht überdurchschnittlichen Zunahme der privaten Konsumausgaben und deutlich über dem Durchschnitt wachsenden Bauinvestitionen ausgehen. Basis dafür sind günstige Einkommensperspektiven und ein nach wie vor stabiler Arbeitsmarkt. Denn auch für 2013 wird mit nochmals mehr Erwerbstätigen und sozialversicherungspflichtig Beschäftigten gerechnet.

Allerdings knabbert der Anstieg der Verbraucherpreise zunehmend mehr von den Einkommenszuwächsen weg. Aufgrund der kalten Progression im Steuertarif bleibt den Lohn- und Einkommensbeziehern dann immer weniger Netto von ihrem Brutto. Das unterstreicht, dass es endlich an der Zeit ist, diesen Konstruktionsfehler des Steuertarifs zu beseitigen. Hier geht es nicht um Verteilungskämpfe, sondern schlichtweg um Gerechtigkeit. Dem Staat steht nicht zu, was ihm inflationsbedingt zufließt. Das gehört in die Taschen der Steuerzahler.

"Keine Lösungen in Sicht"

Aber es steht zu befürchten, dass in Wahlkampfzeiten für solche sachlichen Debatten gar kein Platz mehr ist. Ein weiteres Exempel dafür ist ja das Trauerspiel um die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung. Ohne diese Maßnahme kann und wird die Energiewende nicht gelingen. In der Energiewende sind momentan ohnehin nur steigende Kosten, aber keine Lösungen in Sicht.

Diese beiden Punkte der Abbau der kalten Progression und die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung wären hervorragend dazu geeignet, die Binnenkonjunktur in Deutschland zu kräftigen und zu stabilisieren. Denn zu warten, bis eventuell auch in Deutschland die Konjunktur schwächelt und dann schnell zu Konjunkturprogrammen zu greifen, wäre im Endeffekt erheblich teurer. Zumal wir Gefahr laufen, dafür dann kaum mehr Geld zu haben, weil wir in Europa schon für viel zu viel geradestehen müssen.