Leitartikel Ernüchternde Zwischenbilanz

Jeder Häuslebauer kalkuliert und plant zunächst sehr sorgfältig, ehe er Verträge eingeht. Bei der Energiewende wird man aber den Verdacht nicht los, dass hier die Reihenfolge umgekehrt war: Zuerst proklamierte man das Raus aus der Kernenergie und erst dann wurden Gedanken angestellt, wie dieser Ausstieg zu bewältigen ist.

Lothar Semper

Dr. Lothar Semper, stellvertretender Chefredakteur der Deutschen Handwerks Zeitung. - © Kasia Sander
Dr. Lothar Semper

Zieht man eine Zwischenbilanz, so zeigt sie deutlich mehr Schatten als Licht. Vor allem kostenmäßig könnte die Energiewende zu einem unkalkulierbaren Risiko werden. Umweltminister Altmaier sagte kürzlich: "Ich bin sicher, dass die Energiewende nicht scheitern wird, wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen." Aus dem Satz kann man eine gehörige Portion Hilflosigkeit herauslesen. Wen meint der Minister mit "wir" und wer, wenn nicht die Regierung selbst, hat es in der Hand, die Weichen für die richtigen Entscheidungen zu stellen? Es erweist sich als trügerisch, zu sehr auf die erneuerbaren Energien wie Windkraft und Photovoltaik sowie die Energieerzeugung aus Pflanzen zu setzen. Welche verhängnisvollen Folgen der letztgenannte Weg haben könnte, zeigt die aktuelle Debatte um Bioenergie und Lebensmittelpreise.

Das Handwerk hat schon immer darauf hingewiesen, dass der Teller eindeutig Vorrang vor dem Tank haben muss. Beim Thema Windkraft haben wir die skurrile Diskussion, wie der Nordseestrom ins Land kommt und wer vor allem die Haftung übernimmt, wenn hier etwas schiefläuft, sprich, wenn die Betreiber von Offshore-Windkraftanlagen wegen Pannen in den Netzen ihren Strom nicht einspeisen können. Allerdings fragt niemand, was mit den Erträgen passiert, wenn alles glattläuft. Man ahnt schon: Zahlen soll im Zweifel der Stromverbraucher. Aber auch hier gibt es ein Zwei-Klassen-System.

Die ungleiche Belastung muss ein Ende haben

Auf der einen Seite die Großverbraucher unter den Unternehmen und auf der anderen Seite der Rest der Wirtschaft sowie die privaten Verbraucher. Für Großkunden gibt es deutliche Entlastungen bei der sogenannten EEG-Umlage. Nach einer neuen Berechnung ist bei der EEG-Umlage von den derzeit 3,6 Cent pro Kilowattstunde bereits rund ein Cent auf Entlastungstatbestände zugunsten der Industrie zurückzuführen. Für das kommende Jahr rechnet auch Altmaier mit einem weiteren Anstieg der Strompreise um fünf Prozent – im Wesentlichen durch die EEG-Umlage. Deren weitere Zunahme ist aufgrund des Beschlusses zum Ausbau der Solarenergie bereits programmiert.

Nun sind Wind und Sonne aber unzuverlässig. Bei Flaute, Wolken und Nacht braucht man ebenfalls Strom. Diesen sollen dann Gaskraftwerke liefern. Die allerdings haben wieder zurückzustehen, wenn Strom aus regenerativen Energien zur Verfügung steht; denn der hat bei der Einspeisung Vorrang. Wer aber baut unter solch widersinnigen Voraussetzungen ein Gaskraftwerk? Es würde nicht wundern, wenn die Investoren mit Entschädigungszahlungen aus der EEG-Umlage gelockt werden. Dieser Irrsinn und die ungleiche Belastung der Wirtschaft müssen schleunigst ein Ende haben.

Genauso wie das Gezänk zwischen Bund und Ländern um die steuerliche Förderung der energetischen Gebäudesanierung endlich ein Ende haben muss. Hier wäre nämlich der richtige Ansatz: Energie, die nicht mehr benötigt wird, ist schlichtweg die billigste. So richtig und wichtig übrigens die Idee einer Abwrackprämie für Heizkessel ist, die genannte steuerliche Förderung kann und darf sie nicht ersetzen.