"Transferleistungen wird es immer geben"

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum zur Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland.

Der Präsident des Instituts fuer Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, hält ein Aufschliessen der ostdeutschen Wirtschaft auf lange Sicht fuer ausgeschlossen. Foto: dapd

"Transferleistungen wird es immer geben"

Der Solidarpakt II läuft bis 2019 aus. Kann Ostdeutschland überhaupt schon auf eigenen Füßen stehen?

Blum: Das Auslaufen des Solidarpakts sehe ich wenig problematisch. Die wegfallenden Gelder werden durch den Länderfinanzausgleich kompensiert. Transferleistungen von West nach Ost wird es immer geben. Denn der Osten Deutschlands wird die Wirtschaftsleistung des Westens nie ganz erreichen.

Warum nicht?

Blum: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen ist die Fläche sehr dünn besiedelt, die demografische Entwicklung verschärft diese Problematik noch. Fachkräftemangel trifft den Osten besonders stark. Zudem fehlt Ostdeutschland ein Kraftzentrum. Berlin hat es nicht geschafft, diese Lücke zu füllen. Vor allem aber ist kein Weltkonzern in Ostdeutschland angesiedelt.

Was bewegt die Wirtschaft im Osten im Moment?

Blum: Das weltweite Abflauen der Konjunktur wird auch am Osten nicht vorbeigehen. Allerdings wird die Entwicklung die ostdeutschen Bundesländer später treffen als den Westen, da die Industrie in den neuen Bundesländern sehr vorleistungsgebunden strukturiert ist.

Wo sehen sie noch Potenziale?

Blum: Dresden entwickelt sich gut. Auch in der Region Chemnitz-Zwickau sehe ich Potenziale. Vor allem der Maschinenbau ist hier hervorzuheben. In der Region Jena gibt es viel Bewegung bei der Optik, der Medizintechnik und der Feinmechanikindustrie.

Welche Branchen versprechen im Osten noch Entwicklungspotenziale?

Blum: Chancen gibt es generell beim Anlagenbau. Auch die Chemiebranche entwickelt sich gut. Es gibt mit der Uckermark und der Region Halle zwei wichtige Zentren dafür im Osten. Die Pflanzenforschung verspräche viel Potenziale, wenn die Richtlinien zum Einsatz gentechnikveränderter Pflanzen liberalisiert werden würden. Mit steigenden Umweltauflagen für die Luftfahrt verspricht zudem die Tourismusbranche eine positive Entwicklung.

Wird Ostdeutschland von der Energiewende profitieren?

Blum: Die Energiewende ist eine Umverteilung zugunsten des Ostens. Zum einen wird hier bereits jetzt viel erneuerbare Energie produziert. Zum anderen wird die Bundesregierung vermutlich nicht darum kommen, Braunkohle als Brückentechnologie einzusetzen, und in den meisten ostdeutschen Ländern gibt es ein hohes Braunkohleaufkommen. Schwierigkeiten macht allerdings die Solarindustrie. Hier wurde in der Vergangenheit zu wenig in die Forschung investiert.

Was würden Sie den Entscheidern im Osten raten?

Blum: Ich stehe mit den meisten Ministerpräsidenten im Austausch. Wichtig ist, dass Unternehmen, die sich dynamisch entwickeln, im Osten gehalten werden. Es darf keinen Ausverkauf geben.

dapd