Die Stuttgarter "Wutbürger" schienen schon fast vergessen, als am Montagabend ein regelrechter Sturm der Entrüstung der "Stuttgart 21"-Gegner losbricht. Rund ein Dutzend Aktivisten dringt nach einer Demonstration auf die Baustelle am Grundwassermanagement hinter dem Hauptbahnhof. Zusammen mit weiteren Demonstranten reißen sie den Bauzaun ein, Dutzende stürmen das Gelände.
Auftakt zum neuen Protestsommer
Stuttgart (dapd). Die Stuttgarter "Wutbürger" schienen schon fast vergessen, als am Montagabend ein regelrechter Sturm der Entrüstung der "Stuttgart 21"-Gegner losbricht. Rund ein Dutzend Aktivisten dringt nach einer Demonstration auf die Baustelle am Grundwassermanagement hinter dem Hauptbahnhof. Zusammen mit weiteren Demonstranten reißen sie den Bauzaun ein, Dutzende stürmen das Gelände.
Eine ältere Frau steht außerhalb der gestürmten Baustelle und beobachtet das Treiben mit Genugtuung. "Es war höchste Zeit, dass man dem Unmut mal wieder Luft macht", sagt sie, denn im Grunde seien die "Stuttgart 21"-Gegner "viel zu artig". Die Stürmung auf der Baustelle hält sie für gelungen, niemand an diesem Abend habe damit gerechnet. Dieser Protestsommer müsse noch radikaler werden als der vergangene.
Einige Aktivisten besetzen die Halle, die die Grundwasseraufbereitungsanlage beherbergt, andere klettern auf die danebenstehenden Wasserbehälter und die Baucontainer. "Wir sind gekommen, um zu bleiben", ruft ein Parkschützer mit einem Megafon den abwartenden Demonstranten auf der anderen Seite zu. Die Polizei steht in einiger Entfernung und wartet, dass sich die aufgeheizte Stimmung wieder legt.
Auf einem Baucontainer hat es sich eine Gruppe der Demonstranten nach Einbruch der Dunkelheit mit Kerzen gemütlich gemacht, auch Bier kann aufgetrieben werden. Eine Percussion-Combo spielt, es wird gesungen, ein wenig kommt Volksfeststimmung auf.
Vollends zum Happening wird der Protest, als eine Gruppe mit einer Musikanlage in einem Einkaufswagen vom Baustellengelände zur Polizeiabsperrung zieht. Es wird getanzt, zwei junge Männer tragen weiße Hasenkostüme. Als das in die Jahre gekommene Sommerlied "1, 2, Polizei" von Modo gespielt wird, grölen die aufgeheizten Demonstranten der Polizei lautstark die Zeile "7, 8 Gute Nacht" entgegen.
Doch obwohl noch mehr Demonstranten auf das Gelände gepasst hätten, füllt sich die Baustelle nicht ganz. Ein junger Mann hat handfeste Gründe, weshalb er sich nicht auf die Baustelle traut. "Mir steckt der 'Schwarze Donnerstag' noch in den Knochen", sagt er mit Blick auf den 30. September 2010 als die Polizei Pfefferspray, Schlagstöcken und Wasserwerfer gegen die Demonstranten einsetzte. "Ich weiß nicht, wie die Polizei vorgeht."
Die Stürmung der Baustelle findet jedoch nicht bei der gesamten Protestbewegung Zuspruch. Ein 36-jähriger Demonstrant sagt: "Das sind verzweifelte Leute, die hier oben stehen. Die handeln rechtswidrig, das muss man auch klar sagen." Ein 82-jähriger Demo-Teilnehmer im Schlossgarten sagt: "Ich finde es nicht gut, aber ich habe Verständnis. Ich würde es selbst nicht machen."
Im Laufe des Abends bröckelt der Widerstand, immer mehr Projektgegner ziehen sich zurück. Schließlich ruft ein junger Mann durch ein Megafon dazu auf, solidarisch die Baustelle zu verlassen. Immer der Musik nach, fordert er die Demonstranten auf. Zu den Technobeats zieht eine Traube Menschen in die Stuttgarter Innenstadt, einige verharren bis die Polizei auch sie kurz nach Mitternacht vom Gelände drängt. Der Protestsommer 2011 in Stuttgart hat einen ersten Höhepunkt.
dapd
