Interview "Zertifizierungskosten sind viel zu hoch"

Klaus Yongden Tillmann fordert, dass Normen billiger werden müssen. Wie das gelingen kann – darüber sprach der Generalsekretär vom europäischen Büro des Handwerks und der KMU für Normung (Normapme) mit der DHZ.

Generalsekretär von Normapme, Klaus Yongden Tillmann. Foto: Normapme

"Zertifizierungskosten sind viel zu hoch"

DHZ: Herr Tillmann, Sie haben zu Ihrem Amtsantritt als Normapme -Generalsekretär zum 1. Januar 2011 erklärt, die KMU-Präsenz in europäischen Normungsgremien weiter zu stärken und die wirtschaftliche Kraft der Handwerksbetriebe in der Normungsgesetzgebung einbringen zu wollen. Ist Ihnen dies gelungen?

Tillmann: Die KMU-Präsenz in den Normungsgremien konnte ausgebaut werden – wir haben im Jahr 2011 bis jetzt 10 neue Experten gewinnen können. Bis August 2012 wollen wir weitere 10 Experten in Normungsgremien entsenden. Es ist auch wichtig, mit allen Akteuren konstruktiv zusammenarbeiten – so konnten wir unsere Beziehungen mit allen Europäischen Normungsinstituten unter anderem auch durch KMU orientierte Projekte vertiefen und mit vielen nationalen Normungsorganisationen verbessern.

DHZ: Ziehen Industrie und KMU/Handwerk im Normungsprozess an einem Strang? Oder gibt es unterschiedliche Interessen, Machtkämpfe?

Tillmann: Natürlich gibt es sehr viele Normen, wo KMU und Handwerk mit der Industrie an einem Strang ziehen, da Normung in den meisten Fällen Vorteile für alle bringt. Nichtsdestotrotz werden in sehr vielen Fällen unterschiedliche bis gegensätzliche Interessen vertreten, was auch zu Machtkämpfen führen kann.

DHZ: Zum Beispiel?

Tillmann: Ein gutes Beispiel ist die Zertifizierung: Für viele Handwerker, die maßgefertigte Produkte herstellen, sind die anfallenden Kosten für die Zertifizierung viel zu hoch. Für die Industrie hingegen, die meist eine sehr hohe Stückzahl produziert, spielen diese produktionsunabhängigen Aufwendungen nur eine geringe Rolle.

DHZ: Das Europäische Büro des Handwerks und der KMU für Normung (Normapme) wird von der EU-Kommission finanziert. Wie hoch, Warum?

Tillmann: KMU stellen rund 98 Prozent aller europäischen Unternehmen dar. Das ist eine ganze Menge. Als einzelne Unternehmen sind sie jedoch teilweise zu schwach und auch zu desorganisiert, um eine effektive Vertretung in der europäischen Normung gewährleisten zu können. Auf EU-Ebene hat man erkannt, dass es hier große Defizite gibt. Deshalb wird Normapme zu 95 Prozent von der EU-Kommission und der EFTA finanziert. Der Rest kommt von unseren Mitgliedern.

DHZ: Gibt es genügend Experten in der HW-Organisation, die sich in den europäischen Normungsprozess einbringen können?

Tillmann: Die Suche nach neuen Experten gestaltet sich schwierig, da viele der Experten, die sich in der Normung auskennen und sich für KMU und Handwerk einbringen könnten, schon anderweitig engagiert sind. Normung sollte generell ein größeres Thema sein, je mehr Leute sich mit dem System auskennen, desto besser. Das ist ja auch eines unserer vorrangigen Ziele.

DHZ: Wie bewerten Sie das Normungspaket der Kommission?

Tillmann: Durchaus positiv. Es wird versucht, die Vertretung der KMU und damit auch des Handwerks im Normungsprozess zu verbessern – die Finanzierung einer Organisation wie Normapme wird dabei auch ausdrücklich begrüßt.

Im Rahmen der nächsten Revision des Pakets im Jahre 2013 sind sogar Stimmrechte für KMU-Vertreter möglich (derzeit stimmen nur Vertreter der nationalen Normungsorganisationen über Normen auf europäischer Ebene ab).

DHZ: Wie steht es mit den Kosten für Normen?

Tillmann: Was ganz wichtig für kleine Handwerksbetriebe ist: die Normen müssen billiger werden. Die nationalen Normungsorganisationen, wie in Deutschland das DIN, werden dazu aufgerufen, Normen an KMU billiger zu verkaufen oder Normen als "Bündel" anzubieten, da man ja oft mehreren Normen folgen muss, um richtlinienkonform zu produzieren.

DHZ: Welches sind Ihre wichtigsten "Lektionen", die sie bisher auf dem EU-Parkett "gelernt" haben?

Tillmann: Man lernt, dass Geduld, gepaart mit Leidenschaft, sehr wichtige Eigenschaften sind. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es in Brüssel in der Europäischen Kommission oder im EU-Parlament gekocht wird. Hauptsache wir bringen uns so früh wie möglich ein, um die "Zutaten" mitbestimmen zu können.

Darüber hinaus bin ich sehr stolz auf mein junges und motiviertes internationales Team (u.a. Ingenieure, Wirtschaftswissenschaftler und Juristen) aus 9 Ländern, die sich zusammen in der Normapme für KMU und Handwerk einsetzen.