Wir müssen Prioritäten setzen

Kommentar

Wir müssen Prioritäten setzen

Von Ulrich Steudel

13. Juli 2011, gegen 22.35 Uhr: In ganz Hannover und Umgebung fällt der Strom aus. Plötzlich sitzen 650.000 Menschen im Dunkeln. In Pflegeheimen und Krankenhäusern springen die Notstromaggregate an, Fahrstühle bleiben stecken, beim Reifenhersteller Continental kommt es zu „deutlichen Produktionsausfällen“ und auch bei Volkswagen stehen die Bänder still. Ein Vorgeschmack auf die Energiewende?

Das Stromnetz bekommt Stress. Experten mahnen, den Neubau von Leitungen zu forcieren. 3.600 Kilometer bis 2020 sind nicht viel in einem Höchstspannungsnetz von rund 35.000 Kilometern - könnte man meinen. Doch wer Planungs- und Genehmigungsverfahren in Deutschland kennt, der weiß, warum in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich nur 90 Kilometer fertig wurden. Soll die Energiewende gelingen, wird dieses Tempo nicht ausreichen. Der Gesetzgeber wird nicht umhinkommen, bei den Planungs- und Genehmigungsverfahren neue Prioritäten zu setzen. Dass es geht, zeigt die Verkehrswegeplanung. Im Gegensatz zum Stromnetz wurde das Straßennetz beständig an die wachsenden Ansprüche einer sich verändernden Gesellschaft angepasst.

Schließlich müssen sich auch die Bürger dieses Landes fragen lassen, was ihnen lieber ist: Der Strommast oder das Windrad auf der Gemarkung der eigenen Gemeinde oder doch lieber ein Kernkraftwerk mit etwas mehr Abstand. Und wer möchte in seiner Nachbarschaft ein Endlager für strahlenden Atommüll haben? Wer gegen alles ist, wird irgendwann im Dunkeln sitzen.