Frauen als Fachkräfte gewinnen

Bundesagentur: Bis 2025 schrumpft die Zahl der Erwerbstätigen um 6,5 Millionen

Von Karin Birk

Frauen als Fachkräfte gewinnen

Die Zahl der Erwerbstätigen wird in den kommenden Jahren wegen des Bevölkerungsschwundes stark sinken. Dies wird den Wettbewerb um Fachkräfte weiter verschärfen. „Da kommt ein großes Problem auf uns zu“, sagte Raimund Becker, Mitglied im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, auf dem Arbeitsmarktforum des Zentralverbands des Deutschen Handwerks in Berlin. Um dem zu begegnen, soll in Zukunft das Potenzial von Geringqualifizierten, Älteren und vor allem Frauen besser ausgeschöpft werden.

Zuwanderung allein
reicht nicht

„Bis 2025 wird die Zahl der Erwerbstätigen um 6,5 Millionen zurückgehen“, warnte Becker. Immer mehr werde sich die Frage stellen, woher die Fachkräfte für die Wertschöpfung kommen sollten. Auch ZDH-Präsident Otto Kentzler sieht die Arbeitsmarktpolitik vor ganz neue Aufgaben gestellt. Heute stünde nicht mehr die Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit, sondern die Sicherung des Fachkräftebedarfs im Mittelpunkt. Darauf müssten sich Politik und Wirtschaft einstellen.

Allein mit der Zuwanderung wird der Fachkräftemangel nach Ansicht Beckers nicht zu beheben sein. Wer allerdings nach Deutschland komme, sollte hier auch seiner Qualifikation entsprechend arbeiten können. Die Anerkennung der Bildungsabschlüsse müsse schneller und effizienter ablaufen. Noch wichtiger im Kampf gegen den Fachkräftemangel sei es, die Potenziale im Inland zu nutzen. Dabei habe der Fachkräftemangel nicht nur eine quantitative, sondern auch eine qualitative Dimension. Wichtig sei deshalb eine bessere Aus- und Fortbildung.

Noch immer verließen in Deutschland rund 70.000 junge Menschen jedes Jahr ohne Hauptschulabschluss die Schulen. Weitere 150.000 hätten zwar einen Hauptschulabschluss, seien aber noch nicht reif für den Arbeitsmarkt. Daneben würden rund 20 Prozent der Jugendlichen ihre Ausbildung abbrechen. Hier liege ein Potenzial von rund 300.000 Arbeitskräften. Eine praxisbezogene Berufsberatung sowie eine Einstiegsbegleitung könnten hier Abhilfe schaffen. Das sieht auch Kentzler so. Für „völlig kontraproduktiv“ hält er allerdings die Überlegungen von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), Einstiegsqualifikationen betriebsfern durch Träger durchzuführen.

Ein großes Reservoir an möglichen Arbeitskräften sieht Becker bei Frauen. Hier komme es darauf an, die Arbeitszeit von Teilzeitkräften zu erhöhen und die Zahl der erwerbstätigen Frauen insgesamt zu steigern. Ingesamt sei hier ein Potenzial von 1,2 bis zwei Millionen Arbeitskräften. Nach einer Studie der Bundesagentur für Arbeit ist es vor allem die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen, die viele Frauen von einer Erwerbstätigkeit abhält.

Darüber hinaus muss nach Ansicht Beckers alles getan werden, um ältere Arbeitnehmer möglichst lange im Arbeitsprozess zu halten. Die Rente mit 67 sei ein Schritt in diese Richtung, sagte Kentzler. Jetzt komme es darauf an, die Arbeitsplätze entsprechend umzugestalten, ältere Mitarbeiter weiterzubilden und für ausreichend Gesundheitsvorsorge zu sorgen. Die Handwerksorganisation habe diese Herausforderung angenommen und eine entsprechende Demografieberatung mit in die Unternehmensberatung bei den Kammern aufgenommen.

Geringqualifizierte ebenfalls nicht vergessen

Becker mahnte auch, die rund vier Millionen gering qualifizierten Arbeitnehmer in Deutschland nicht zu vergessen. Auch nach Ansicht von Annelie Buntenbach, Mitglied im Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, steckt hier ein großes Potenzial. Dafür brauche man aber auch genügend finanzielle Mittel. Die Pläne der Bundesregierung, der Bundesagentur für Arbeit die Mittelzuflüsse aus dem Mehrwertsteueraufkommen zu kürzen und an die Kommunen zu transferieren, sei der falsche Weg, sagte Buntenbach, die damit auch Kentzlers Meinung traf. Er warnte vor einer strukturellen Überschuldung des Haushalts der Bundesagentur. „Und am Ende des Tages wären es wieder die Beitragszahler, die die Zeche zu zahlen haben.“ Dazu dürfe es nicht kommen.