Es geht auch mit weniger Atomstrom. Aber der Preis für den Umbau ist hoch. Trotzdem: Die fortschreitende Energiewende wäre – bei aller Tragik in Japan – hilfreich für das Handwerk.
Burkhard Riering

Die Energiewende ist möglich
Der Fukushima-Schock sitzt tief. Er hat auch Deutschland von einem Tag auf den anderen verändert. Ein stures "Weitermachen“ in der Atompolitik gilt inzwischen als unmöglich. Seit dem 11. März 2011, dem Tag der Tragödie, wird der Ruf nach einer schnelleren Energiewende immer lauter. Nur wenn es die Politik jetzt versteht, einen neuen tragfähigen Energiekonsens zu erarbeiten, sind die Chancen dabei größer als die Risiken.
Fest steht, dass die Mehrheit der Deutschen auf lange Sicht keinen Atomstrom mehr möchte. Die jüngsten Landtagswahlen spiegeln diesen Willen. Das ist ein klarer Auftrag an die Politik: Sie soll neue Wege in der Energiepolitik gehen und Ökostromkonzepte vorantreiben. Der Beitrag, den Sonne, Wind, Wasser und Biomasse künftig leisten, wird in jedem Fall größer. Doch wie rasch die nachhaltige Kehrtwende hin zu den erneuerbaren Energien zu schaffen ist, darüber wird noch heftig gestritten. Und wie hoch ist eigentlich der Preis dafür?
Mit der Atomenergie fällt immerhin die preiswerteste Stromquelle weg. Grüner Strom ist dagegen teuer. Jeder Verbraucher wird also für das allmähliche Aus in der Atomenergie zahlen müssen, über Umlagen, über Steuern. Das Gleiche gilt für die Wirtschaft: Wird durch die Mehrbelastungen die Konjunktur abgewürgt? Stehen gar Arbeitsplätze auf dem Spiel? Die schnell steigenden Energiekosten werden übrigens auch den Handwerksbetrieben aus den energieintensiven Branchen arg zu schaffen machen.
Es wird teuer
Der Staat muss ebenfalls ganz tief in die Tasche greifen. 1.455 Milliarden Euro, so hat man errechnet, kostet der Energieumbau bis zum Jahr 2050. Das Geld wird über viele Jahre an anderer Stelle fehlen, Investitionen in Bildung und Gesundheit stehen auf der Kippe.
Und wir zahlen auch deswegen einen hohen Preis, weil wir durch das Abschalten von Reaktoren die Luft noch mehr verschmutzen. Denn fossile Kraftwerke werden zunächst Atomenergie ersetzen müssen, bis die Erneuerbaren die kritische Masse erreicht haben. Zig Millionen Tonnen Kohlendioxid werden dann von neuen Kohlekraftwerken zusätzlich in die Atmosphäre gepumpt. Hier sind sich Atomkraftgegner und Klimaschützer gar nicht grün.
Die Wahrheit über die Möglichkeiten eines Atomausstiegs liegt wohl wie immer in der Mitte. Auf der einen Seite wäre ein Ad-hoc-Abschalten aller 17 Meiler fatal, weil dann die Lichter in Deutschland auszugehen drohen. Das wäre auch für den Industriestandort Deutschland gefährlich. Auf der anderen Seite scheint es plötzlich Allgemeingut zu sein, dass eine Laufzeitverlängerung für alle Atommeiler gar nicht notwendig ist, wenn man sich für die erneuerbaren Energien nur mächtig ins Zeug legt.
Kein Zurück mehr
Die fortschreitende Energiewende wäre – bei aller Tragik in Japan – hilfreich für das Handwerk: Die Förderung für Solaranlagen, die vornehmlich vom Handwerk installiert werden, könnte als Folge weniger stark sinken. Gleichzeitig dürfte die politische Unterstützung für die energetische Gebäudesanierung steigen, bei der etwa Maurer oder Dachdecker am Werke sind. Und auch die Windkraft und die Biomasse sind zu einem Teil Handwerksarbeiten, die ja schon jetzt einen weitaus höheren Beitrag leisten als die Sonnenenergie.
Wichtig ist aber jetzt, dass in Berlin nicht panikartig agiert wird, dass die Konzepte nicht mit heißer Nadel gestrickt werden. Die Interessen aller müssen berücksichtigt werden. So kann der Weg gelingen. Denn ein Zurück ins Atomzeitalter wird es ohnehin nicht mehr geben, die Ära ist abgelaufen. In den nächsten Jahrzehnten wird sich die Art, wie wir Energie beziehen, von Grund auf verändern. Und sie wird nicht schlechter sein, sie wird besser sein.