DHZ-Gespräch mit Dr. Hans Jäckel über den Ölpreis, mögliche Leitzinserhöhungen und Preisstabilität
Interview: Karin Birk
„Das Preisniveau passt nicht zum Angebot“
DHZ: Herr Jäckel, der Preis für Öl ist wegen der Unruhen in Nordafrika deutlich angestiegen. Haben wir schon die Preisspitze gesehen?
Jäckel: Wie sich die politische Lage in Nordafrika und im Nahen Osten in den nächsten Wochen entwickelt, ist schwierig, wenn nicht unmöglich vorherzusagen. Der Ölpreis wird weiter nervös auf jede Änderung der Nachrichtenlage reagieren. Aus fundamentaler Sicht passt aber das momentane Preisniveau überhaupt nicht zur Konstellation von Angebot und Nachfrage - mengenmäßig ist Öl zurzeit keineswegs knapp.
DHZ: Die Europäische Zentralbank befürchtet, dass die Inflation nicht zuletzt wegen der höheren Energiepreise zu stark ansteigt und hat eine Zinserhöhung für April angedeutet. Kommt der Zinsschritt zur rechten Zeit?
Jäckel: In einer Währungsunion, in der sich die Mitgliedsländer in sehr verschiedenen konjunkturellen Lagen befinden, kommt ein Zinsschritt nie zur rechten Zeit. Gegen ölpreisbedingt höhere Inflationsraten in den nächsten Monaten hilft eine Zinserhöhung nicht. Aber niedrige Inflationserwartungen können durch eine Zinsanhebung verankert werden, was langfristig die Inflationsentwicklung günstig beeinflussen sollte. Zudem ist auch richtig, dass die EZB allmählich von dem extrem niedrigen Leitzins wegkommen muss, um frühzeitig Fehlbewertungen an den Finanzmärkten vorzubeugen. Allerdings sehen wir ein nennenswertes Inflationsrisiko - im Sinne einer Überhitzung der Nachfrage - erst im Verlauf des Jahres 2012.
DHZ: Wie wirkt sich eine Zinserhöhung auf die Kreditzinsen aus? Könnte sie die wirtschaftliche Erholung in Europa belasten?
Jäckel: Für die Kreditzinsen in Deutschland wird die Wirkung sehr begrenzt bleiben, da Leitzinserhöhungen in den langfristigen Zinsen schon lange eingepreist sind. Die Bremswirkung auf die europäische Konjunktur entsteht eher wegen der negativen Auswirkungen einer Leitzinserhöhung auf die Bankensysteme in den Krisenländern.
DHZ: Wird es für Länder wie Irland und Griechenland damit schwerer, ihre Schuldenprobleme zu lösen?
Jäckel: Ja, sicher, aber nicht dramatisch. Diese Länder haben schon jetzt hohe Risikoprämien zu zahlen, und ein um einen halben oder auch um einen ganzen Prozentpunkt höherer Leitzins ändert ihre Zinslast nur marginal.
DHZ: Die EZB ist der Politik entgegengekommen, indem sie Anleihen von unter Druck geratenen Euroländern gekauft hat. Wird sie dennoch künftig unabhängig genug sein, gegen politischen Widerstand Zinserhöhungen durchzusetzen?
Jäckel: Wenn sie Zinserhöhungen für notwendig erachtet, wird sie sie auch durchsetzen können. Im Moment gehen aber die Meinungen mit Recht auseinander, ob sie notwendig sind. Denn man muss ja auch bedenken, dass der hohe Ölpreis selbst schon eine Konjunkturbremse ist und insofern den Inflationsdruck bei den Gütern, die nichts mit Öl zu tun haben, verringert.
DHZ: Mit welcher Inflationsrate rechnen Sie mittelfristig?
Jäckel: In diesem und im nächsten Jahr ziemlich genau zwei Prozent oder etwas darunter - und das gilt für Deutschland wie für die Eurozone im Ganzen. Wenn bei der Konjunktur nichts Schwerwiegendes dazwischenkommt, könnte die Inflation in Deutschland im Jahr 2013 aber über zwei Prozent steigen und auch über dem Durchschnitt in der Eurozone liegen. Das gilt, wenn der Ölpreis in diesem Jahr wieder in Richtung 90 Dollar für das Barrel Brent sinkt und danach nur allmählich wieder steigt. Wenn man ein Ölkrisenszenario unterstellt, in dem der Ölpreis auf 140 steigt und dort bleibt, müsste man 2011 und 2012 mit 2,5 Prozent Inflation rechnen, aber dann wäre die Gefahr einer weiteren Inflationsbeschleunigung nach 2012 geringer.
