DHZ-Gespräch mit Gerd Billen "Wir brauchen ein Reinheitsgebot"

Ein Lebensmittelskandal jagt den anderen. Im DHZ-Gespräch erklärt Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, welche Lehren aus dem jüngsten Dioxinskandal zu ziehen sind. Interview: Karin Birk

Gerd Billen, Vorstand Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sieht im jüngsten Dioxinskandal eine Bewährungsprobe für Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU). Foto: Butzmann

"Wir brauchen ein Reinheitsgebot"

DHZ: Herr Billen, wo kaufen Sie Ihr Fleisch und Ihre Eier?

Billen: Ich kaufe Bioeier meistens im Bioladen oder im Supermarkt. Das Fleisch hole ich bei einem Metzger.

DHZ: Sind Sie im jüngsten Dioxinskandal damit auf der sicheren Seite?

Billen: Das weiß ich nicht. Bei Bioeiern sind die Anforderungen an die Futtermittel strenger. Das hilft. Aber auch hier ist schon Dioxin gefunden worden. Und bei Fleisch kann man ganz einfach nicht sagen, wie viel Fleisch mit überhöhten Dioxinwerten über welchen Zeitraum in den Handel gekommen ist.

DHZ: Sind wir als Verbraucher also doch nur arme Schweine, wie Food-Watch-Gründer Thilo Bode sagt.

Billen: Das sehe ich nicht so. Natürlich ist es eine Schweinerei, wenn irgendwo Futtermittel gepantscht und deutlich überhöhte Werte des krebserregenden Mittels Dioxin in Lebensmitteln festgestellt werden. Das macht die Verbraucher wütend. Andererseits ist seit der BSE-Krise in der Lebensmittelüberwachung auch eine Menge geschehen. Heute können wir beispielsweise über das System für Qualität und Sicherheit bei Lebensmitteln von der Ladentheke über die Schlachtereien und die landwirtschaftlichen Betriebe bis zu den Futtermitteln die Produktion nachvollziehen. Wie der jüngste Skandal gezeigt hat, gibt es allerdings vor allem am Anfang der Lebensmittelkette bei den Rohstoffen noch Lücken. Diese gilt es zu schließen.

DHZ: Wer zahlt die Zeche?

Billen: Es gibt viele Verlierer. Neben verunsicherten und wütenden Verbrauchern trifft es vor allem die Landwirte, aber auch das Lebensmittelhandwerk und die Lebensmittelindustrie. Für große Teile der Lebensmittelbranche ist es eine ziemliche Katastrophe.

DHZ: Welche Lehre müssen wir ziehen?

Billen: Bei den Futtermitteln müssen endlich strengere Anforderungen an die Rohstoffe und ihre Verarbeitung gestellt werden. Wie viele Skandale soll es denn noch geben, bevor etwas geschieht? Wir brauchen ein Reinheitsgebot durch eine verbindliche Positivliste. Es muss klar und unmissverständlich definiert sein, was in Futtermittel rein darf und was nicht. Je eindeutiger die Rohstoffe deklariert sind, desto leichter sind sie auch zu überprüfen. Neben den Futtermittelrohstoffen müssen aber auch die fertigen Lebensmittel besser kontrolliert werden.

DHZ: Was heißt besser?

Billen: Die staatliche Lebensmittelüberwachung muss stärker durch den Bund organisiert und ein einheitlicher Qualitätsstandard für die Kontrolle festlegt werden. Wir haben zurzeit einen föderalen Flickenteppich von Kontrollen und Zugständigkeiten, die ich nicht für zeitgemäß halte. Außerdem sollten Ergebnisse von Kontrollen bei Unternehmen zeitnah im Internet veröffentlicht werden. Hier muss das Verbraucherinformationsgesetz nachgebessert werden. Das hätte nicht nur einen großen Informationswert für die Verbraucher. Das hätte auch einen hohen Abschreckungseffekt für mögliche schwarze Schafe. Parallel dazu müssen auch die Ergebnisse der Eigenkontrollen veröffentlicht werden. Letztlich geht es darum, Transparenz und Vertrauen zu schaffen.

DHZ: Reichen die von Bundesagrarministerin Ilse Aigner vorgeschlagenen Maßnahmen aus?

Billen: Ein Großteil unserer Forderungen wurde aufgegriffen. Es liegt jetzt ein Programm auf dem Tisch, das die Bundesregierung zügig abarbeiten muss. Wo sie nicht alleine agieren kann, muss sie die erforderlichen Maßnahmen in der Europäischen Union und gegenüber den Bundesländern energisch einfordern. Dies ist jetzt die Bewährungsprobe für Verbraucherministerin Aigner. Wir werden sie und die Bundesregierung an diesen Vorgaben messen und konsequent im Blick haben, ob die Zusagen und die Fristen eingehalten werden.