Gelebte Intergration im Handwerk: Auszubildende mit Migrationshintergrund schneiden gut ab beim Praktischen Leistungswettbewerb 2010.
Patrick Choinowski und Jana Tashina Wörrle

Leistung wichtiger als Herkunft
Die Freisprechungsfeier seines Bruders Nurullah weckte in Kadir Unzunsakagoglu den Ehrgeiz. Er wollte auch einmal so viel Lob erhalten, da ihm dies in der Hauptschule oft versagt blieb. "Ich war zwar nie richtig schlecht, viel getan habe ich aber nicht“, erinnert er sich. Schlagartig änderte sich das mit dem Beginn seiner Ausbildung beim Stuckateurbetrieb Göhring in Tübingen-Unterjesingen. Kadir Unzunsakagoglu erledigte mit großem Einsatz seine Aufträge und qualifizierte sich als baden-württembergischer Landessieger für das Finale des Praktischen Leistungswettbewerbs (PLW). Und auch hier konnte der 21-jährige Türke glänzen: Er holte sich die deutsche Meisterschaft im Stuckateurhandwerk.
Nur die Leistungsbereitschaft tählt
Kadir Unzunsakagoglu ist nur eines von vielen positiven Beispielen beim Praktischen Leistungswettbewerb 2010. Zahlreiche Auszubildende mit Migrationshintergrund machten dank ihrer herausragenden Leistungen auf sich aufmerksam. "Die Ergebnisse zeigen, dass das Handwerk für jeden offensteht und Leistungsbereitschaft zählt – nicht Herkunft, Aussehen oder Geschlecht“, betont Handwerkspräsident Otto Kentzler. Daran sehe man, "welche Ausbildungskultur das deutsche Handwerk hat und welche Chancen es allen jungen Frauen und Männern“ biete. Gabriele Göhring, Geschäftsführerin beim gleichnamigen Stuckateurbetrieb, der Kadir Unzunsakagoglu ausbildete, gibt jungen Menschen mit Migrationshintergrund gerne diese Chancen: "Sie sind motiviert und wollen etwas lernen. Die Vergangenheit in der Schule steht bei uns nicht an erster Stelle“, sagt Göhring.
"Integration muss schon in der Schule und bei den Eltern beginnen“, sagt dagegen Bodenlegermeister Michael Meier aus Regensburg. Zu einer gelingenden Integration gehöre aber auch, dass die Betriebe bereit sind, etwas in ihre Auszubildenden zu investieren und diese zu fördern. "Oft sind die ausländischen Jugendlichen besonders engagiert und motiviert, wenn sie merken, dass sie eine Chance bekommen“, sagt Meier, dessen Engagement sich ausgezahlt hat. Sein Lehrling Juri Jenus, der 1999 aus Kasachstan nach Deutschland kam, hat 2010 seine Ausbildung abgeschlossen und ist beim PLW zweiter Bundessieger geworden. Zusätzlich hat er auch beim Gestaltungswettbewerb "Die Gute Form im Handwerk – Handwerker gestalten“ gewonnen.
Es ist ein Geben und Nehmen – so sehen es sowohl Unternehmer als auch Lehrling. "Für mich war es selbstverständlich, dass ich in der Ausbildung auch jeden Samstag gearbeitet habe“, sagt Jenus, "da konnte ich die Büroarbeit kennenlernen und zusätzlich für die Prüfungen üben". Sein Chef hat ihm dafür bei der Vorbereitung auf die Prüfung so viel Zeit und Material wie nötig zum Üben zur Verfügung gestellt. "Ich denke, dass noch zu viele Betriebsinhaber Vorurteile haben und von vornherein die ausländischen Bewerber aussortieren“, sagt Meier. Dabei sei es doch gerade in Zeiten des drohenden Fachkräftemangels besonders wichtig, geeigneten Handwerksnachwuchs zu finden und die Jugendlichen mit Migrationshintergrund einzubeziehen.
Fachkräfte von morgen sichern
"Gleich, ob der türkischstämmige Elektriker oder der Dachdecker mit spanischen Wurzeln: Das Handwerk setzt verstärkt auf die Ausbildung von Menschen aus Zuwandererfamilien“, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, der Deutschen Handwerks Zeitung . "Mit diesem Engagement sichern sich die Betriebe die Fachkräfte von morgen und geben den Migranten eine Perspektive."
Kadir Unzunsakagoglu hat seine eigene Perspektive bereits gefunden. Nach dem Sieg beim PLW strebt er nun die Stuckateur-Europameisterschaft 2012 an: "Darauf werde ich hinarbeiten!"