Leseschwächen vor allem bei türkischstämmigen Jugendlichen
Von Rudolf Baier
PISA zeigt: Nicht nur im Fußball sind Özils nötig
Ein Schock kann durchaus heilsam sein, wie die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigen. Der PISA-Schock, in den der erste Schülertest unser Land vor zehn Jahren versetzte, hat durchaus positive bildungspolitische Konsequenzen nach sich gezogen. In Mathematik und in den Naturwissenschaften sind unsere Schüler mittlerweile in die Spitzengruppe aufgerückt, in der Lesekompetenz haben sie sich zwar verbessert, landeten aber erneut nur im Mittelfeld.
Ausgerechnet im wichtigen Bereich „reflektieren und bewerten“ von Texten haben deutsche Schüler über alle Schulformen hinweg relativ schwach abgeschnitten. Das ist für das „Land der Dichter und Denker“ eigentlich recht blamabel.
Sieht man sich die Ergebnisse von PISA genauer an, so ist zwar festzustellen, dass die Leseleistungen der Jugendlichen mit Einwanderungshintergrund angestiegen sind, aber noch weit hinter denen Deutschstämmiger liegen. Im Schnitt hinken die 15-Jährigen mit Migrationshintergrund bei der Lesefähigkeit ein ganzes Jahr hinterher. Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Duisburg-Essen betont, im Gegensatz zu Mathematik lasse sich die kognitive Tiefe des Lesens nicht in wenigen Stunden in der Schule erlernen. Ihre Lesekompetenz erwerben Kinder in den Familien. Schwer für die, in deren Familien wenig oder gar kein Deutsch gesprochen wird.
Es zeigte sich auch, dass sich die Leseleistungen bei Jugendlichen aus der früheren Sowjetunion gegenüber dem letzten PISA-Test wesentlich verbessert haben, die der türkischstämmigen Jugendlichen dagegen nur unwesentlich. Nimmt man hinzu, dass Mädchen im Schnitt besser abschneiden als Jungs, kristallisiert sich eine der wesentlichen Problemgruppen heraus: türkischstämmige männliche Jugendliche. Da kann man dem Leiter des Berliner OECD-Büros nur zustimmen, der sagt: „Wir brauchen Özils nicht nur im Fußball: Wir müssen gucken, dass wir Özils auch in den Klassen und Schulen fördern.“ Um Bildungsbarrieren abzubauen, müssen aber nicht notwendigerweise Haupt- und Realschule zusammengelegt werden, wie es der deutsche Chef der PISA-Studie, Prof. Andreas Schleicher, fordert. Das Beispiel Bayerns, laut „Spiegel-Online“ belegt Bayern im Ländervergleich Platz 1, zeigt, dass Haupt- und Realschule sehr wohl ihre Aufgabe erfüllen können - es kommt nur auf die Förderung der Özils an.