„Mehr Netto vom Brutto“ bleibt auf der Tagesordnung
Von Lothar Semper
Schwung für Binnenkonsum?
Die Wirtschaft brummt wie schon lange nicht mehr. Die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit scheint abgehakt. Deutsche Exportgüter sind gefragt wie selten zuvor. Den Arbeitsmarkt hat die Krise gar nicht erreicht. Im Gegenteil: In vielen Branchen ist bereits von Fachkräftemangel die Rede. Und Ökonomen träumen schon von sieben fetten Jahren, die uns nun bevorstehen könnten. Alles also in bester Ordnung?
Kein grenzenloser Optimismus
Vor grenzenlosem Optimismus kann nur gewarnt werden. Zum einen sind gewaltige Nachbeben der Wirtschafts- und Finanzkrise nicht ausgeschlossen. Zum anderen kann erst dann von einer nachhaltigen und stabilen wirtschaftlichen Erholung gesprochen werden, wenn nicht nur der Export, sondern auch die Binnenwirtschaft auf solidem Fundament steht. Und hier ist die Nachrichtenlage noch nicht so stabil, wie man es sich wünschen möchte. Nach Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes wurde im Inland im dritten Quartal 2010 im Vorjahresvergleich sowohl deutlich mehr konsumiert als auch investiert. So lagen die privaten Konsumausgaben erstmals seit über einem Jahr wieder über ihrem Vorjahresniveau und stiegen preisbereinigt um 1,2 Prozent. Die für das Handwerk wichtigen Bauinvestitionen nahmen um 4,4 Prozent zu. Beim privaten Verbrauch deutet in der Tat einiges darauf hin, dass dieser auch die nächsten Monate zunehmen wird. Der Konsumklimaindex verbesserte sich aktuell erneut deutlich. Auch vom Arbeitsmarkt kommen gute Botschaften. Und in einigen Branchen wird bereits diskutiert, Lohnerhöhungen vorzuziehen, was der Kaufkraft zugutekommt.
Beim Bau wird es entscheidend darauf ankommen, ob hier nach Auslaufen der Konjunkturpakete eine Auftragslücke entsteht. Erste Daten lassen dies befürchten. Die Aufträge gingen im Bauhauptgewerbe im September gegenüber dem Vorjahr real um 1,1 Prozent zurück. Dabei läge gerade für diese Branche die Arbeit buchstäblich auf der Straße. Unsere Infrastruktur - wie etwa Straßen und Kanalbauten - hat erheblichen Erneuerungsbedarf. Doch hier drohen die Auftraggeber auszugehen. Deshalb muss dem Handwerk ganz besonders an einer soliden finanziellen Ausstattung der Kommunen gelegen sein. Hier hat die Politik noch Hausaufgaben zu machen. Genauso auch beim Slogan des Handwerks „Mehr Netto vom Brutto“. Gerade vor dem Hintergrund steigender Sozialversicherungsbeiträge ist dies dringender denn je. Wer eine auf Dauer stabile Binnenkonjunktur sicherstellen will, kommt an Entscheidungen zur Entlastung der Steuer- und Abgabenzahler nicht vorbei.