Das Schwarz-Weiß-Foto eines älteren Herren mit einem Rennrad fängt plötzlich an zu leben. "Ein Projektor wirft jetzt ein Video des DDR-Radrennfahrers Jürgen Kissner über sein Foto, damit er uns die Geschichte seiner Flucht persönlich erzählen kann", sagt die Foto- und Videokünstlerin Laura Soria.
Hunderte Sportler flüchteten aus der DDR
Berlin (dapd-bln). Das Schwarz-Weiß-Foto eines älteren Herren mit einem Rennrad fängt plötzlich an zu leben. "Ein Projektor wirft jetzt ein Video des DDR-Radrennfahrers Jürgen Kissner über sein Foto, damit er uns die Geschichte seiner Flucht persönlich erzählen kann", sagt die Foto- und Videokünstlerin Laura Soria. Die 34-jährige Mexikanerin hat die Ausstellung "ZOV Sportverräter - Spitzenathleten auf der Flucht", die vom 22. Juli bis 28. August im Berliner Willy-Brandt-Haus zu sehen ist, künstlerisch umgesetzt. Sie zeigt die Geschichte von 15 geflohenen DDR-Sportlern.
ZOV steht für "Zentraler Operativer Vorgang". So nannte das DDR-Ministerium für Staatssicherheit unter dem Stichwort "Sportverräter" jene Akte, in der es Informationen über republikflüchtige Sportler sammelte. "Die Flucht eines Spitzensportlers war für die SED-Führung immer ein PR-Desaster, da die Athleten eigentlich als Aushängeschilder des sozialistischen Systems galten", sagt der Historiker und Ausstellungskurator René Wiese. Der 42-Jährige hat die Ausstellung zusammen mit seiner Kollegin Jutta Braun durch langjährige Forschungen im Auftrag des Zentrums für deutsche Sportgeschichte (ZdS) vorbereitet.
Auf rund 240 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus die Geschichten der geflohenen DDR-Sportler erzählt. "Die Sportler sollen dem Besucher ihre Erlebnisse selbst schildern. Dazu habe ich mit ihnen Interviews geführt und sie dabei gefilmt", erläutert Soria ihr Konzept. Einige Interviewte hätten ihre Fluchtgeschichten tief in sich vergraben, eine Emotionalität, die auch die Besucher der Ausstellung spürten.
"Den Interviews haben wir historische Originaldokumente wie Fotos, Briefe oder Stasi-Akten zur Seite gestellt, damit man sich sein eigenes Bild über die Biografien und Fluchtgeschichte machen kann", fügt Wiese hinzu. Eine Zählung der Stasi ging von etwa 600 "Republikflüchtigen" im DDR-Sport aus, die Dunkelziffer schätzt Wiese jedoch wesentlich höher ein.
Neben der Geschichte des 1964 geflohenen Radsportlers Kissner wird in der Ausstellung auch jene des Schwimmers Axel Mitbauers erzählt. Dieser schwamm in einer Augustnacht 1969 über 20 Kilometer durch die Ostsee und orientierte sich dabei nur an den Sternen in Richtung Westen. Schließlich wurde er von einem westdeutschen Fährschiff aufgesammelt.
"Vor dem Bau der Mauer konnte man einfach mit der S-Bahn nach Westberlin fahren, danach wurde es deutlich schwieriger", sagt Wiese. Spitzenathleten hätten im Vergleich zu normalen DDR-Bürgern allerdings bessere Fluchtgelegenheiten gehabt, da sie sich für Wettkämpfe öfter im "kapitalistischen Ausland" aufgehalten hätten.
Die Motivation der Sportler für ihre Flucht aus der DDR war sehr unterschiedlich. Einige seien mit dem Druck nicht fertig geworden, sich als sozialistische Sportlerpersönlichkeit gegenüber dem Westen ideologisch profilieren zu müssen, erläutert der Historiker. Als etwa der Leichtathlet Jürgen May bei der Leichtathletik-Europameisterschaft 1966 in Budapest einen Mannschaftskameraden im Auftrag des Sportschuhherstellers Puma gegen Bezahlung von einem Schuhmarkenwechsel überzeugte, wurde er in der DDR lebenslang gesperrt. May floh daraufhin ein Jahr später über Ungarn in die Bundesrepublik. "Es gab aber auch andere Gründe. Der Kanute Günter Perleberg floh 1963 in die Bundesrepublik, weil seine Freundin dort lebte", sagt Wiese.
Soria empfand die Arbeit an der Ausstellung als sehr emotional, auch wenn sie als Ausländerin einen etwas anderen Blick auf das Thema hat. "In Mexiko haben wir an der Grenze zu den USA eine Art Mauer der Armut, über die viele Menschen flüchten wollen", sagt sie und fügt hinzu: "Flucht gibt es doch auf der ganzen Welt."
dapd
