Vor 20 Jahren wurde die deutsche Einheit besiegelt eine Bilanz
Von Ulrich Steudel
Ein Grund zum Feiern
Jugendliche, die in diesem Sommer ihr Abitur abgelegt haben, kennen den Eisernen Vorhang nur aus den Geschichtsbüchern. Ja, so lange sind wir nun schon wieder ein Volk, dass es für die jungen Deutschen das Normalste von der Welt ist. Und das ist gut so.
Die Älteren unter uns haben noch eine andere Welt kennengelernt - eine Welt, geprägt vom Kalten Krieg, dessen Frontlinie mitten durch Deutschland verlief. Geteilt von einer Grenze, an der die Unfreiheit mit Waffengewalt bewacht wurde. Doch diese Zeiten sind vorbei. Vor 20 Jahren, als am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit besiegelt wurde, begann eine neue Zeitrechnung.
Das bevorstehende Jubiläum ist ein Grund zum Feiern - trotz der Probleme, die die Wiedervereinigung mit sich gebracht hat, trotz aller Enttäuschungen, die vielen Ostdeutschen nicht erspart geblieben sind. Ihnen sei in Erinnerung gerufen, was die deutsche Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten geleistet hat: Seit 1991 zahlen alle Deutschen einen Solidaritätszuschlag, um die enormen Kosten der Einheit mitzufinanzieren. Allein in diesem Jahr werden elf Milliarden Euro zusammenkommen. Zwischen 1995 und 2004 sind rund 94,5 Milliarden Euro im Rahmen des ersten Solidarpaktes in den Aufbau der neuen Bundesländer investiert worden. Weitere 156,5 Milliarden Euro werden durch den Solidarpakt II bis 2019 fließen. Die Früchte dieser gemeinsamen Kraftanstrengung sind überall sichtbar und gerade für das Handwerk ein Segen. Aus Schlaglochpisten ist ein intaktes Straßennetz entstanden, so dass Westdeutsche mitunter neidvoll nach Osten blicken. Viele Innenstädte wurden saniert, historische Bausubstanz wurde vor dem Verfall bewahrt. Und sogar ein altes Versprechen Erich Honeckers, das er selbst hätte nie halten können, wurde eingelöst: Im Jahr 2000 gab es in Ostdeutschland keine Wohnungsnot mehr, viele Familien haben sich sogar den Traum vom eigenen Häuschen verwirklicht.
Bei all den Erfolgsmeldungen darf aber nicht verschwiegen werden, dass viele Ostdeutsche sich nicht zu den Gewinnern der Wiedervereinigung zählen. Arbeitslosenquoten von bis zu 20 Prozent lassen enttäuschte Menschen zurück, die an der neuen Freiheit zweifeln, sich vom Staat im Stich gelassen fühlen oder sich gar die Geborgenheit des DDR-Alltages zurückwünschen. Andere, vor allem junge Menschen, ziehen einfach weg. Das ist besonders schade. Denn wenn der Aufbau Ost zukunftsfähig bleiben soll, dann bedarf es vor allem einer Jugend, die ihrer Heimat nicht den Rücken kehrt.