Zeitbombe Fachkräftemangel

Die Bevölkerungsentwicklung fordert bereits jetzt entschiedenes Handeln

Zeitbombe Fachkräftemangel

Von Lothar Semper

Fachkräftemangel - Märchen oder Zeitbombe? Zwischen diesen Extremen findet derzeit die Diskussion statt. Anhänger der ersten Version verweisen vor allem auf die nach wie vor fast 3,2 Millionen registrierten Arbeitslosen in Deutschland. Vertreter der Gegenauffassung nutzen als Argumente die anziehende Konjunktur und vor allem die demografische Entwicklung. In der Tat ist es bereits so, dass etliche Betriebe und etliche Branchen Probleme haben, die Fachkräfte zu finden, die sie für die Ausschöpfung ihrer Wachstumspotenziale bräuchten. Doch im Vergleich zu dem, was uns von Seiten der Bevölkerungsentwicklung droht, scheinen dies eher die geringeren Probleme zu sein. Allerdings wird der schleichende Bevölkerungswandel im Unterschied zu Naturkatastrophen kaum wahrgenommen.

Dramatische Prognosen

2003 hatten 52 Prozent der Deutschen den Begriff demografischer Wandel noch nie gehört. Dabei wird dieser auf Wirtschaft und Gesellschaft erhebliche Auswirkungen haben. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes geht die Bevölkerungszahl in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten spürbar zurück. Gleichzeitig steigt das Durchschnittsalter merklich an. Was nun dabei für das Thema Fachkräftemangel besonders fatal ist: Die Zahl der Personen im Erwerbsalter zwischen 20 und 64 Jahre wird um etwa 30 Prozent abnehmen. Eine Feststellung verdient besondere Aufmerksamkeit: Der Bevölkerungsrückgang kann weder durch Zuwanderungsüberschüsse aus dem Ausland noch durch eine etwas höhere Kinderzahl je Frau aufgehalten werden. An-gesichts dieser Aussage in Fatalismus zu verfallen, wäre sicherlich die schlechteste Lösung.

Notwendig ist ein Maßnahmenbündel, zu dem insbesondere folgende Bausteine gehören sollten: Angesichts der absehbaren Entwicklung führt an einer Anhebung des Renteneintrittsalters nichts vorbei. Die aktuellen Diskussionen um Aussetzung oder gar Rückgängigmachung der Rente mit 67 sollten schleunigst beendet werden. Die gege-benen Erwerbspotenziale im Inland müssen noch deutlich stärker ausgeschöpft werden. Dies gilt insbesondere für die Zielgruppen Frauen und Migranten. So ist beispielsweise der Anteil unter den ausländischen Jugendlichen, die einen Ausbildungsvertrag im dualen System abschließen, derzeit nur halb so groß wie unter den deutschen. Integration kann erst dann als geglückt angesehen werden, wenn auch die Beteiligung am Erwerbsleben deutlich zunimmt. Man sollte Verständnis haben, wenn die Bundeskanzlerin Wert darauf legt, zunächst diese Potenziale auszuschöpfen. Dennoch wird man aber auch tabufrei über das Thema einer geregelten Zuwanderung durch Personen, die geeignete Qualifikationen mitbringen, disku-tieren müssen. Ferner muss Deutschland darauf achten, für gut ausgebildete Fachkräfte aus aller Welt überhaupt interessant zu bleiben.