„Kreditangebot kann kurzfristig sinken“

DHZ-Gespräch mit Prof. Reinhard H. Schmidt über Bankenabgabe und strengere Regulierung

Prof. Reinhard H. Schmidt, Lehrstuhl für internationales Bank- und Finanzwesen an der Universität Frankfurt/Main.Foto: Universität Frankfurt

„Kreditangebot kann kurzfristig sinken“

Interview: Karin Birk

DHZ: Herr Prof. Schmidt, Banken werden jetzt stärker an die Kandare genommen. Die Bankenabgabe ist nur ein erster Schritt. Was halten Sie davon?

Schmidt: Von der Absicht, Banken strenger zu regulieren und zu überwachen, halte ich viel. Die Finanzkrise hat ja gezeigt, wie wichtig das ist. Von der kürzlich beschlossenen Bankenabgabe halte ich allerdings nicht viel.

DHZ: Hilft das neue Bank-Insolvenzrecht, systemische Risiken zu verringern?

Schmidt: Ja, durchaus. Die Vorbereitung eines neuen Insolvenzrechts für Banken und speziell für große, systemrelevante Banken ist eine sehr wichtige und dringende Maßnahme, um die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Bankenkrise zu verringern und dann, wenn eine solche Krise doch eingetreten ist, wirkungsvoller eingreifen zu können, ohne dass nur immer der Staat die Kosten dafür tragen muss.

DHZ: Was steckt dahinter?

Schmidt: Künftig soll es ja möglich sein, systemrelevante und nicht relevante Teile der Bank zu trennen und die nicht systemrelevanten Teile in die Insolvenz gehen zu lassen. Wenn das passiert, tragen auch die ungesicherten Gläubiger, und das sind vor allem andere Finanzinstitutionen, ein Ausfallrisiko. Das dürfte und sollte zur Folge haben, dass sie genauer hinschauen, wem sie wann ihr Kapital überlassen. Die damit herbeigeführte größere Vorsicht ihrer Gläubiger zwingt die Banken, selbst ihre Risiken zu begrenzen.

DHZ: Wie wichtig sind strengere internationale Eigenkapitalvorschriften?

Schmidt: Eigenkapitalanforderungen sind für die Stabilität des Bankensystems unverzichtbar. Die Krise hat gezeigt, dass viele Banken nicht genug Eigenkapital haben. Und die erst kürzlich umgesetzten Vorschriften, die mit dem Stichwort „Basel II“ bezeichnet wurden, haben leider die Eigenkapitalanforderungen gesenkt - und genau das soll jetzt wieder korrigiert werden.

DHZ: Inwiefern belasten strengere Eigenkapitalvorschriften die Kreditvergabe?

Schmidt: Es gibt zwei mögliche Zusammenhänge: Zum einen sei für Banken Eigenkapital wesentlich teurer als Fremdkapital und deshalb werde die Kreditvergabe teurer, wenn mehr Eigenkapital verlangt wird. Das behaupten zwar viele Bankpraktiker und alle Banklobbyisten, aber wie viele Finanztheoretiker halte ich dieses Argument nicht für stichhaltig. Zweitens - und das stimmt durchaus - wäre es derzeit für Banken extrem schwer, das geforderte zusätzliche Eigenkapital zu beschaffen. Kurzfristig kann es deshalb zu Einschränkungen des Kreditangebots kommen.

DHZ: Werden künftig diejenigen, die Risiken eingehen, auch die Konsequenzen tragen?

Schmidt: Die Bankenabgabe hat keine erkennbaren Auswirkungen darauf, welche Risiken die Banken eingehen können und werden. Das neue Banken-Insolvenzrecht und schärfere Eigenkapitalanforderungen können risikomindernd wirken. Ob das aber ausreicht, weiß niemand. Und diejenigen, die Risiken eingehen, werden auch in Zukunft nie alle Konsequenzen tragen, wenn es schiefgeht.

DHZ: Weshalb?

Schmidt: Wir haben in allen modernen Volkswirtschaften drei ökonomisch sehr sinnvolle Einrichtungen: Haftungsbeschränkung bei allen großen Unternehmen, Sicherungssysteme für Banken und Banken, die von angestellten Managern und nicht von ihren Eigentümern geleitet werden. Obwohl diese institutionellen Merkmale unverzichtbar sind, führen sie dazu, dass diejenigen, die mit ihren Entscheidungen Risiken eingehen, nicht immer alle Konsequenzen tragen. Dieser Effekt lässt sich nicht ganz vermeiden. Es wäre aber schon viel erreicht, wenn die aktuellen Reformen dazu führen, dass diejenigen, die Risiken eingehen, wenigstens einige der negativen Konsequenzen zu tragen hätten.