Bis sein Reich mit einem lautem Donner zusammenbrach, konnte sich Leo Kirch vor ökonomischen Ehrentiteln nicht retten. Mal war er der "Medienmogul", dann wieder der "Patriarch" oder aber ein "Tycoon". Tatsächlich hat Kirch den Medienmarkt in Deutschland geprägt wie kein zweiter. Er hat ihn sogar revolutioniert.
Wie Leo Kirch den deutschen Medienmarkt revolutioniert hat
Berlin/München (dapd). Bis sein Reich mit einem lautem Donner zusammenbrach, konnte sich Leo Kirch vor ökonomischen Ehrentiteln nicht retten. Mal war er der "Medienmogul", dann wieder der "Patriarch" oder aber ein "Tycoon". Tatsächlich hat Kirch den Medienmarkt in Deutschland geprägt wie kein zweiter. Er hat ihn sogar revolutioniert. Kirch, der mit 84 Jahren am Donnerstag starb, machte es erst möglich, dass ein Gegengewicht zur RTL-Gruppe entstand.
Kirchs Geschichte begann 1954. Damals kaufte er den Streifen "La Strada" ein. Wer ihn zeigen wollte - und das konnte zunächst nur die ARD sein - musste Kirch eine Lizenz abkaufen. Diese Abhängigkeit war neu. Bis dahin kauften Sender ihre Filme direkt bei den Produzenten ein. Denen aber kam ein Zwischenhändler äußerst gelegen, nahm er ihnen doch bürokratische Arbeit ab. Kirch nutzte diese Chance.
Der Weg nach Hollywood führte über Leo Kirch
Aus diesem kleinen Schatz baute Kirch konsequent ein ganzes Reich auf: Als das Privatfernsehen in den achtziger Jahren startete und es galt, neue Sendeflächen zu füllen, wurde Kirch reich. Kartellähnlich hielt er die Fäden für deutschen Lizenzen an begehrten Produktionen aus den USA in der Hand. Zeitweise führte für hiesige Sender nur noch ein Weg nach Hollywood: der über den Rechtehändler Leo Kirch.
Das Imperium wuchs und mit ihm der Umsatz und die Möglichkeit, viele Kredite aufzunehmen. Geld, das Kirch rasch in eigene Medienhäuser steckte. Sein Reich umfasste zeitweise die Kanäle ProSieben, Sat.1 und dazu Kabel Eins, das wiederum schlicht Kirchs Filmarchiv rauf und runter spielte. Mit N24 startete Kirch zudem einen News-Kanal - Pflichtprogramm für all jene, die sich "Medienmogul" nennen dürfen.
Ein einmaliges Medienimperium in Deutschland
Auch das Deutsche Sport-Fernsehen (DSF, heute Sport1) zählte in der Hochphase zu Kirchs Einzugsgebiet. Zudem steckte er rasch viel Geld in den Medienkonzern Axel Springer ("Bild", "Welt"). Das waren Anteile an einem Großverlag, die ihn zu weit mehr machten als zu bloß irgendeinem TV-Mann. Kirch schuf eine Mediengruppe, wie es sie bisher nie wieder in Deutschland geben sollte. Sie stellte sogar den sonst so starken Familienbetrieb Bertelsmann (RTL, Gruner und Jahr) in den Schatten.
Vor allem aber investierte Kirch Media ins Bezahlfernsehen. Kirch war begeistert von den Erfolgen in Großbritannien, Frankreich und Italien. Dort zeigten andere wie Rupert Murdoch, dass Zuschauer sehr wohl bereit sind, für sehr Exklusives Programm auch sehr tief in die eigenen Taschen zu greifen. Kirch aber stieß bei seinem Versuch, das Konzept zu kopieren, erstmals an seine Grenzen. Er unterschätzte, dass der deutsche Fernsehmarkt ganz anders tickte als anderorts.
Kirch scheitete am Bezahlfernsehen
Deutschland ist nicht nur der größte TV-Markt in Europa, sondern das Land mit den meisten frei empfangbaren Sendern in der EU. So warb Kirchs Pay-TV-Kanal Premiere am Ende mit Exklusivrechten für die Fußball-Bundesliga für sich, die kaum einer haben wollte. Viele Fans blieben bei der Alternative: der ARD-Sportschau. Kirch griff auf diese Weise erstmals daneben. Seine Kirch Media meldete 2002 schließlich Insolvenz an. Das Reich Leo Kirchs, der stark erblindet und zuckerkrank war, zerfiel. Was zurückblieb, das waren offene Verbindlichkeiten von knapp sieben Milliarden Euro. Bereits "La Strada" hatte Kirch auf Pump gekauft.
Kirch war fortan selbst draußen aus dem Geschäft. Doch was er einst geschaffen und zusammengeführt hatte, das setzten andere fort: ProSiebenSat.1, wie die Münchner Sendergruppe Gruppe heute heißt, sendet fleißig weiter und ist Europas zweitgrößter TV-Konzern.
Kirchs Traum lebt
Premiere heißt heute Sky und gehört im Wesentlichen Rupert Murdoch - jenem Mann, dem es Kirch gleichtun wollte. Während das deutsche Pay-TV nach Kirchs Pleite lange weiter kurz vor dem Bankrott stand, weil sich kaum einer ein Abonnement zulegen wollte, ging es mit Sky zuletzt sogar bergauf: Die Abonnentenzahlen steigen langsam. Wer die Bundesliga live sehen will, ist zunehmend bereit, zu zahlen. Auch, weil Sky inzwischen per Internet mobile Endgeräte bespielt.
Gut möglich, dass Kirchs Traum also einmal tatsächlich wahr wird und sich in Deutschland Bezahlmodelle für TV-Filme und Sportereignisse durchsetzen. Erleben wird Leo Kirch das jetzt allerdings nicht mehr. Fernsehmacher aber dürften sich für immer an seine Vorlagen erinnern.
dapd
