Offiziere sehen wegen der Vorgänge um die "Gorch Fock" das Image der Marine "angekratzt" "Das hätte einfach nicht passieren dürfen"

"Der Unfalltod von Obermaat Sarah Lena S. auf der 'Gorch Fock' hätte einfach nicht passieren dürfen", meinten Marineoffiziere am Dienstag im Heimathafen des Segelschulschiffes in Kiel. Die Bundeswehrführung will am Mittwoch in Berlin im Verteidigungsausschuss des Bundestages ihren Untersuchungsbericht zu dem Unglück vom 7. November 2010 im brasilianischen Hafen von Salvador da Bahia vorlegen.

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"Das hätte einfach nicht passieren dürfen"

Kiel/Berlin (dapd). "Der Unfalltod von Obermaat Sarah Lena S. auf der 'Gorch Fock' hätte einfach nicht passieren dürfen", meinten Marineoffiziere am Dienstag im Heimathafen des Segelschulschiffes in Kiel. Die Bundeswehrführung will am Mittwoch in Berlin im Verteidigungsausschuss des Bundestages ihren Untersuchungsbericht zu dem Unglück vom 7. November 2010 im brasilianischen Hafen von Salvador da Bahia vorlegen. Die 25-Jährige war bei der Segelvorausbildung aus der Takelage 27 Meter tief auf Deck gestürzt und ums Leben gekommen. Einer der Offiziere in Kiel sagte im dapd-Gespräch, der Großteil seiner Kameraden sehe das Ansehen der Marine "durch den spektakulären Vorgang angekratzt".

Der Kommandant der "Gorch Fock", Kapitän zur See Norbert Schatz, wird auf eigenen Wunsch nicht mehr auf der Brücke der Bark stehen, deren Besatzung er seit fünf Jahren befehligt hat. Dabei schildern Offiziere Schatz als einen erfahrenen Seemann und "ausgesprochen guten Segler". Er sei auch bei der Besatzung beliebt gewesen. Doch habe Schatz wohl die Ausbildungsmängel, die an Bord offensichtlich herrschten, unterschätzt. Er habe sich nicht ausreichend nach den Methoden der modernen Menschenführung gerichtet.

Marineinspekteur Axel Schimpf betonte in einem Anhang zum Untersuchungsreport, der dapd vorliegt: "Der Tod der Offiziersanwärterin sollte allen Vorgesetzten Grund genug sein, den eigenen Führungsstil kritisch zu überdenken: Klare und verbindliche Vorgaben verbunden mit einer ernsthaften Dienstaufsicht und Kontrolle stehen weder im Widerspruch zur Inneren Führung und zum Führen im Auftrag, noch sind sie ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber den Untergebenen. Im Gegenteil: Sie sind Ausdruck eines disziplinierten und fürsorglichen Führungsverhaltens, welches wir unseren anvertrauten Frauen und Männern schuldig sind."

Derweil wird die Frage, ob das Ansehen der Marine durch den "Gorch Fock-Fall" gelitten hat, wird von Parlamentariern unterschiedlich beurteilt. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ernst-Reinhard Beck (CDU), sagte im dapd-Gespräch: "Vorfälle wie der tödliche Unfall der Offiziersanwärterin und die anschließende mediale Berichterstattung haben der Marine sicher keine positiven Schlagzeilen beschert." Beck ist aber davon überzeugt, dass die "Gorch Fock" eine Zukunft als Ausbildungsschiff haben wird.

Die Verteidigungsexpertin der FDP, Elke Hoff, meinte im dapd-Gespräch: "Ich bin davon überzeugt, dass die Deutsche Marine keinen Schaden genommen hat. Sie wird auch in Zukunft ein attraktiver Arbeitgeber sein." Der Verteidigungsausschuss werde aber darüber diskutieren, welche organisatorischen und personellen Maßnahmen in Zukunft ergriffen werden müssen, damit sich solche Vorgänge nicht wiederholen können.

Der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold sagte der dapd: "Richtig ist, dass das Thema Gorch Fock leider deshalb zu einem großen Politikum geworden ist, weil sowohl die politische Leitung des Verteidigungsministeriums als auch die Führung der Marine der Wirklichkeit nicht rechtzeitig in die Augen geschaut haben." Hätte man sehr frühzeitig die Mängel benannt und Wege zu deren Abstellung aufgezeigt, wäre das alles nicht so konfliktträchtig in den letzten Monaten diskutiert worden, meinte Arnold.

Der Verteidigungsexperte der Grünen, Omid Nouripour, betonte auf dapd-Anfrage: "Die Vorfälle auf der 'Gorch Fock' haben wohl ein etwas schräges Bild auf die Marine geworfen." Die Untersuchungen hätten zweierlei gezeigt: Einmal habe es auf dem Schiff Fehlverhalten gegeben - vor allem in den Bereichen Fürsorge und Führung, welches nicht tragbar sei und abgestellt werden müsse. Zum anderen sei es jetzt an der Marine zu zeigen, welche konkreten Schlüsse aus den erkannten Fehlern gezogen werden müssen.

Am 6. Mai war die "Gorch Fock" nach den jüngsten Vorfällen in den Heimathafen Kiel zurückgekehrt. Zunächst war die Zukunft des Schiffes offen. Die Mutter der Kadettin hatte Strafanzeige wegen fahrlässiger Tötung erstattet. Anfang Juni stellte die Kieler Staatsanwaltschaft jedoch ihre Ermittlungen zum Tod des Frau ein. Sie kam zu der Einschätzung, dass es sich um einen Unfall handelte.

Die Marineoffiziere freuen sich darüber, dass der legendäre Dreimaster, das älteste Schiff der Deutschen Marine, weiter als Botschafterin Deutschlands über die Weltmeere segeln wird. Das Segelschulschiff trägt den Namen des Schriftstellers Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht gefallen ist. Die Bark hat eine 85-köpfige Stammbesatzung. Dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer.

dapd