Die Grünen diskutieren in Berlin über die Zukunft - ganz nach dem Geschmack des Bundespräsidenten Grundsatzdebatten auf der Tanzfläche

Christian Wulff wäre sicher entzückt von dieser Veranstaltung. Erst vor wenigen Tagen lobte der Bundespräsident in höchsten Tönen die Debattierfreude der Grünen. Die hatten am vergangenen Wochenende auf einem Sonderparteitag in sieben Stunden wortreich und kontrovers das Für und Wider eines Atomausstiegs bis 2022 abgewogen. Vorbildlich - befand Wulff.

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Grundsatzdebatten auf der Tanzfläche

Berlin (dapd). Christian Wulff wäre sicher entzückt von dieser Veranstaltung. Erst vor wenigen Tagen lobte der Bundespräsident in höchsten Tönen die Debattierfreude der Grünen. Die hatten am vergangenen Wochenende auf einem Sonderparteitag in sieben Stunden wortreich und kontrovers das Für und Wider eines Atomausstiegs bis 2022 abgewogen. Vorbildlich - befand Wulff. Eine Woche später sitzen die Grünen nun wieder zusammen, um in großer Runde zu diskutieren. Diesmal geht es laut Partei um nicht weniger als die Grundsatzfragen der Zukunft.

Ein paar Hundert Grüne, aber auch Künstler, Wissenschaftler und Vertreter von Verbänden sind an diesem Samstag in das alte DDR-Kino "Kosmos" in Berlin gekommen. Dort, wo sonst junge Leute aus dem Berliner Umland "Schöne Leute Partys" feiern, tummeln sich nun diskussionslustige Konferenzteilnehmer. Die Tanzfläche ist mit Stuhlreihen voll gestellt. Von der Decke baumeln Disco-Lampen. Vorne auf der Bühne begrüßen die beiden Parteivorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir ihre Parteikollegen und die "lieben Noch-Nicht-Grünen".

"Grundnahrungsmittel für die Grünen"

Ums Nachdenken und Debattieren über die Zukunft gehe es heute, sagt Roth, und zwar "ganz ohne Beschlussfassung oder Änderungsanträge". Das sei kein Luxus, sondern Grundnahrungsmittel für die Partei. Der Bundespräsident habe sich dazu gerade passend geäußert, schiebt Roth nach, bedankt sich artig bei Wulff und versichert: "Wir legen nach. Versprochen."

Der Diskussionseifer der Grünen hatte in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Parteitage gingen immer glatter über die Bühne, Grundsatzfragen gingen unter. Nach der Bundestagswahl 2009 beschlossen die Grünen, verschiedene Foren einzurichten, um über den Umbau der Wirtschaft, über die Zukunft der Kommunen und Europas oder über die Demokratie zu diskutieren. Wo steuert Europa hin? Wie muss die Autoindustrie der Zukunft aussehen? Wie lässt sich die politische Teilhabe verbessern? Mehr als ein Jahr lang debattierten die internen Runden über solche Fragen.

Verteilt über verschiedene Säle und Räume im "Kosmos" hocken nun größere Gruppen zusammen, um über Ergebnisse zu reden. Das Thema im "Kinosaal 2": der Umbau der Autoindustrie. Es diskutieren zwei, die einigermaßen unterschiedliche Ideen dazu haben: der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, und der neue Grünen-Ministerpräsident des Autolandes Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann. Der Grünen-Regierungschef hatte zuletzt mit der Aussage für Aufregung gesorgt, weniger Autos seien besser als mehr. Die Branche war empört.

Gerangel um die Zukunft des Autos

Wissmann rattert nun die Wirtschaftszahlen der Autoindustrie herunter, beschwört den Industriestandort Deutschland und beteuert, die Branche wisse selbst am besten, dass die Wagen immer wirtschaftlicher und geringer im Verbrauch werden müssten. Aber weniger Autos? Da könne Kretschmann doch sicher nur gemeint haben, dass in Großstädten öfter Carsharing-Modelle zum Einsatz kommen sollten. Alles andere wäre ein "strategischer Irrtum".

Kretschmann verzieht keine Miene. "Diese Aussage nehme ich nicht zurück", entgegnet er trocken. "Der Mensch hat Füße", sagt er. Außerdem gebe es Fahrräder, Züge, und ja, auch Autos und Flugzeuge. Aber auf die gesunde Mischung komme es an.

Einen Saal weiter - auf der Tanzfläche - geht es harmonischer zu. Die Workshopler diskutieren über Gerechtigkeit und Teilhabe. Auf der Bühne steht eine Stellwand. Davor ein junger Mann, der verträumt Wortfetzen aus der Runde auffängt und mit Filzstiften zu einem bunten Schaubild verarbeitet. Um sich in den politischen Prozess einzubringen, müssten die Menschen überhaupt erst die Voraussetzungen dazu haben, befindet die Runde einmütig: verstehen, worum es geht, Zeit haben für Engagement und Zugang zu Informationen. Es gehe also erstmal um Gerechtigkeit.

Gerade die Jüngeren in der Partei sind zufrieden mit der Konferenz. Sie hatten immer wieder gefordert, dass die Grünen wieder mehr über den Tag hinaus denken. "Es geht nicht nur um das Hier und Jetzt", sagt die Chefin der Grünen Jugend, Gesine Agena. Die Partei müsse auch zeigen, dass sie Visionen habe. Parteiratsmitglied und Ex-Grüne-Jugend-Chef Max Löffler meint, es mache den Reiz der Grünen aus, "Debattenort" zu sein. Das sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen.

"Keine neuen Philosophien"

Ein paar Meter weiter streift der Alt-Grüne Christian Ströbele durch die Gänge - mit Strickpulli, Lederjacke und Leinenbeutel in der Hand. "Man darf das nicht zu sehr hochstilisieren", sagt er, "hier werden nicht die neuen Philosophien entwickelt." Aber für die Partei sei der Austausch sehr wichtig. Und der Bundespräsident habe nicht ganz unrecht: von der Debattierfreude der Grünen könnten sich andere Parteien eine Scheibe abschneiden. Grünen-Chefin Roth verspricht Wulff mehr von solchen Diskussionsereignissen: "Sie werden noch Ihren Spaß an uns haben."

dapd