Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet infolge des beschleunigten Atomausstiegs erhebliche Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft.
Institut rechnet mit Milliardenkosten durch Atomausstieg
Berlin (dapd). Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet infolge des beschleunigten Atomausstiegs erhebliche Konsequenzen für die deutsche Wirtschaft. Nicht nur koste es rund 55 Milliarden Euro, den wegfallenden Strom der Kernkraftwerke durch neue oder erweiterte Kohle- und Gaskraftwerke zu ersetzen, teilte das Institut am Montag in Berlin mit. Zusätzlich könnten steigende Strompreise das produzierende Gewerbe ins Ausland treiben und damit den Industriestandort Deutschland schwächen.
"Die Lücke der Stromerzeugung in Deutschland wird von bestehenden Kohle- und Gaskraftwerken gefüllt", sagte IW-Direktor Michael Hüther. Dafür sei es notwendig, bestehende Kraftwerke für Stein- und Braunkohle sowie Gas auszubauen oder zu modernisieren. Gegebenenfalls müssten sogar neue gebaut werden. Das könnte in den nächsten zwei Jahrzehnten zusätzliche 55 Milliarden Euro kosten. Noch kostspieliger ist dem IW zufolge der Ausbau erneuerbarer Energien.
Die wirtschaftlichen Folgen des Atomausstiegs verteilen sich nach Angaben des IW auf drei Parteien. Zuerst seien die Stromversorger direkt davon betroffen. Deren Zusatzkosten spüre wenig später der Verbraucher und noch stärker der Unternehmer. Doch auch den Staat komme der Atomausstieg durch weniger Steuereinnahmen teuer zu stehen. "Für die öffentliche Hand bedeutet der beschleunigte Ausstieg erhebliche Einnahmeausfälle", sagte Hüther
Der Großhandelspreis sei schon mit den ersten abgeschalteten Meilern erheblich gestiegen. "Der Strompreis hat sich im ersten Quartal 2011 um gut zehn Prozent erhöht", sagte Hüther. Insbesondere die Grundstoffherstellung leide unter steigenden Energiepreisen.
Falls dieser Sektor ins Ausland abwandere, bringe das große Verluste für die Wertschöpfungskette in Deutschland mit sich, ohne die Klimabilanz zu verbessern. "Die Produktion findet weiterhin statt, nur eben nicht in Deutschland", sagte Hüther. Dabei sei die Energieeffizienz in Deutschland sehr gut, eine Produktionsverlagerung in andere Länder könnte demzufolge schlecht für die Umwelt sein.
Eine IW-Befragung von Umweltexperten ergab, dass fast 90 Prozent mit höheren Strompreisen rechnen und dadurch den Wirtschaftsstandort Deutschland beeinträchtigt sehen. "Unter dem Strich gehen 44 Prozent der Befragten davon aus, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verschlechtern wird", sagte Hüther. Nur 17 Prozent erwarteten eine Verbesserung durch die Energiewende.
Insgesamt müsste die Bundespolitik nach Einschätzung des IW die Energiewende nicht nur kritisch beobachten, sondern im Zweifelsfall auch überdenken. "Es gibt überhaupt keinen Grund für diese Eile", sagte Hüther. Deutschland importiere seit dem Abschalten der ersten Atommeiler im März bereits mehr Strom, als es exportiere. Ein Totalausstieg könne die Bundesrepublik zum Nettoimporteur machen. "Der deutsche Sonderweg funktioniert nur, wenn unsere Nachbarländer nicht folgen und sie nicht ebenfalls Kernkraftwerke abschalten", sagte Hüther.
dapd