VW-Patriarch überrascht die MAN-Hauptversammlung mit Verzicht auf Mehrheit im Aufsichtsrat Professor Piech und viele Statisten

Fast beiläufig ließ Ferdinand Piech die Bombe platzen: Die Machtübernahme von VW im Aufsichtsrat von MAN wird vertagt. Auf Wunsch der EU-Wettbewerbshüter werde die fusionsrechtliche Genehmigung des Übernahmeangebots von VW an alle MAN-Aktionäre abgewartet, erklärte Piech auf der MAN-Hauptversammlung und nahm damit vielen Kritikern die Luft aus den Segeln.

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Professor Piech und viele Statisten

München (dapd). Fast beiläufig ließ Ferdinand Piech die Bombe platzen: Die Machtübernahme von VW im Aufsichtsrat von MAN wird vertagt. Auf Wunsch der EU-Wettbewerbshüter werde die fusionsrechtliche Genehmigung des Übernahmeangebots von VW an alle MAN-Aktionäre abgewartet, erklärte Piech auf der MAN-Hauptversammlung und nahm damit vielen Kritikern die Luft aus den Segeln. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Selbst der drittgrößte deutsche Investmentfonds sah sich nur noch als Statist "einer geschickt eingefädelten Inszenierung" des VW-Patriarchen.

Zunächst stockend las der 74-Jährige Piech am Rednerpult vom Blatt ab, verhaspelte sich und nahm genervt seine Brille ab. Aber dann fand er den roten Faden und ließ keinen Zweifel mehr, wer hier das Sagen hat.

Die MAN-Satzung sieht vor, dass in der Regel niemand über 70 für den Aufsichtsrat vorgeschlagen werden soll. "Ich bin der einzige, der das 70. Lebensjahr überschritten hat. Damit ist die Regelaltersgrenze eingehalten", erklärte Piech den versammelten 2.200 Aktionären und löste schallendes Gelächter im Saal aus. Aber Piech schaute lächelnd über den Rand seiner Lesebrille in die Menge und fügte hinzu:"Ich beabsichtige, erneut für den Aufsichtsratsvorsitz zu kandidieren."

Auch VW-Vorstandschef Martin Winterkorn und seinen beiden Vorstandskollegen Hans Dieter Pötsch und Jochem Heizmann sahen sich von der Regie unversehens zu Zuschauern degradiert. Eigentlich waren sie nach München gereist, um sich in den MAN-Aufsichtsrat wählen zu lassen. Zusammen mit Piech und Audi-Vorstandschef Rupert Stadler hätten sie fünf der acht Sitze auf der Kapitalseite gehabt.

Um aber das EU-Genehmigungsverfahren "zügig und reibungslos zu durchlaufen", mussten sie kurzfristig umdisponieren: An ihrer Stelle nominierte VW den Rechtsanwalt Matthias Bruse, den ThyssenKrupp-Chefjustiziar Thomas Kremer und Audi-Vorstand Ulf Berkenhagen für das Kontrollgremium. "Als Platzhalter", bis die EU-Genehmigung über die Bühne ist, mutmaßte Harald Petersen von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Der Union-Investment-Manager Ingo Speich legte den Finger in die größte Wunde: Piech marschiere weiter und sei dabei, sich MAN zum Schnäppchenpreis einzuverleiben, ohne die eigentlich fällige Übernahmeprämie. Als VW-Aufsichtsratschef habe Piech ein viel zu niedriges Angebot für MAN vorgelegt. Als MAN-Aufsichtsratschef hätte er dagegen einen möglichst hohen Preis fordern müssen, aber geschwiegen. "Welches Spiel spielen Sie hier?" schimpfte der Fondsmanager und forderte, Piech müsse auf den MAN-Aufsichtsratsvorsitz verzichten.

Auch Aktionärsschützer kritisierten Piechs Doppelrolle im Übernahmepoker. "Man will hier herrschen und hat schon einen beherrschenden Anteil", sagte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er habe nichts gegen eine Kooperation von MAN mit dem schwedischen Konkurrenten Scania unter dem Dach von VW, aber MAN dürfe dabei "nicht untergebuttert werden".

Martin Buhlmann von der Universal-Investment sagte zu Piech: "Ich verfolge ihre strategische Sturheit, mit der sie ihre Ziele verfolgen, mit der allergrößten Bewunderung." Aber der Interessenkonflikt sei nicht aus der Welt zu schaffen: "Wie tief muss die Sonnenbrille gefärbt sein, um so was zu übersehen?"

Piech ließ die Kritik einfach abtropfen und antwortete freundlich lächelnd, er sehe keinen Interessenkonflikt. Die VW-Vertreter hätten sich im MAN-Aufsichtsrat bei der Stellungnahme über das Übernahmeangebot enthalten.

Es sei dem Wert von MAN nicht angemessen, sagte MAN-Vorstandschef Georg Pachta-Reyhofen knapp und warb ausführlich für die Lkw-Allianz mit Scania und VW. Nach der EU-Genehmigung könnten die beiden Lkw-Bauer endlich bei Einkauf, Forschung, Entwicklung und Produktion zusammenarbeiten und schon im ersten Schritt 200 Millionen Euro jährlich sparen. Pachta-Reyhofen betonte, Identität und Standorte von MAN dürften nicht angetatstet werden. Aber jetzt beginne eine neue, offensive Phase der Zusammenarbeit - der 1758 gegründete MAN-Konzern werde wohl "Teil eines größeren Ganzen" werden.

dapd