Das vor allem als Verkehrsprojekt wahrgenommene Bauvorhaben "Stuttgart 21" wird auch stadtplanerisch deutliche Auswirkungen haben. Während Experten bei den Immobilienpreisen eine Stagnation oder eine deutliche Erhöhung erwarten, fordert der Mieterverein vor allem eine gemischte Sozialstruktur in dem Quartier, das durch eine Verlegung des Hauptbahnhofs in die Tiefe entstehen soll.
Experte: "Stuttgart 21" wirkt sich preissteigernd auf Immobilien aus
Stuttgart (dapd). Das vor allem als Verkehrsprojekt wahrgenommene Bauvorhaben "Stuttgart 21" wird auch stadtplanerisch deutliche Auswirkungen haben. Während Experten bei den Immobilienpreisen eine Stagnation oder eine deutliche Erhöhung erwarten, fordert der Mieterverein vor allem eine gemischte Sozialstruktur in dem Quartier, das durch eine Verlegung des Hauptbahnhofs in die Tiefe entstehen soll. Die Stadt Stuttgart hat zugesagt, exorbitante Immobilienpreise zu verhindern.
"In dem neu entstehenden Quartier können aufgrund des derzeit hohen Interesses an Immobilien sicherlich sehr gute Preise realisiert werden", sagte der Leiter Immobilienbewertung bei dem Internetportal "ImmobilienScout24", Michael Kiefer, der Nachrichtenagentur dapd. Der Leiter des Marktforschungsinstituts des Immobilienverbands Deutschland (IVD), Stephan Kippes, sieht in "Stuttgart 21" dagegen zunächst einen "dämpfenden Faktor" bei den Preisen, die mittelfristig aber auf hohem Niveau bleiben oder sogar steigen.
Ab 2019 sollen auf den durch den Bau von "Stuttgart 21" frei werdenden Flächen Geschäfts- und Wohnquartiere entstehen. Die Stadt Stuttgart kann als Eigentümerin über mehr als 100 Hektar frei verfügen. Eine von der Stadt zu gründende Stiftung soll über die Umsetzung des sogenannten Rosenstein-Quartiers wachen.
Laut Kiefer sind derzeit zwar noch keine Auswirkungen von "Stuttgart 21" auf die Immobilienpreise zu beobachten. Ähnliche Bauvorhaben in deutschen Großstädten hätten jedoch gezeigt, dass solche Infrastrukturprojekte mittel- bis langfristig zu höheren Preisen führen.
"Stuttgart 21" verspreche in seiner ursprünglichen Planung neben einer Verbesserung der Verkehrsanbindung in der Region vor allem eine optische Aufwertung der unmittelbaren Umgebung und geringere Immissionen für die Anwohner. "Wenn nach diesem Plan gebaut wird, wird deshalb vor allem das unmittelbare Umfeld im Zentrumsbereich profitieren", sagte Kiefer.
"Sollte Stuttgart 21 gar nicht oder nur in einer sehr abgespeckten Form kommen, werden die Preise und Mieten vor Ort trotzdem weiter steigen", prognostizierte der Experte. Für Stuttgart als Ballungsraum mit starker Wirtschaftskraft könnten Immobilienmakler entsprechende Preise verlangen.
Hinzu kommt, dass Immobilien vor allem nach der Wirtschaftskrise auch als gute, weil sichere Anlageobjekte entdeckt werden. IVD-Experte Kippes sprach von einer "Renaissance der Kapitalanleger". Das sorge tendenziell für stabile bis steigende Preise.
Auch die geografische Lage Stuttgarts trägt ihren Teil zu verhältnismäßig hohen Preisen bei. Die Stadt liegt in einer Talsohle. "Es gibt einen sehr hohen Druck im Kessel des Stuttgarter Wohnungsmarkts", sagte Kippes deswegen metaphorisch. Durch neue Flächen in der Innenstadt werde der Druck genommen.
Stuttgart spielt laut Kippes bei den Preisen in der ersten Liga mit, knapp hinter München. Um die Preise merklich zu senken, bräuchte die Stadt ganz andere Flächenvolumina, glaubt Kippes. Ob auf den durch "Stuttgart 21" freiwerdenden Flächen nur hochpreisiges Wohnen möglich wird, liege auch an der Stadtplanung.
Deswegen fordert der Mieterverein Stuttgart auch ein Einschreiten der Stadt. "Moderne Stadtplanung heißt, gemischt zu bauen", sagte der Vorsitzende Rolf Gaßmann. Es dürften weder Ghettos für Reiche noch für Arme entstehen.
Ein Sprecher der Stadt Stuttgart sicherte ein solches Vorgehen zu. Die Stadt werde die Grundstücke in die Stiftung überführen und sie so der Grundstücksspekulation entziehen. "Die Stiftung soll ein Auge darauf haben, dass sich nicht Immobilienspekulanten die Filetstücke herausgreifen", sagte er. "Die Stiftung soll gewährleisten, dass eine Frischluftschneise für die Innenstadt erhalten bleibt, das Viertel ökologisch, familien- und kinderfreundlich bebaut und eine offene Parkanlage geschaffen wird." Auf keinen Fall solle ein kaltes Bankenviertel entstehen.
dapd
