Atom- und Kohlekraftwerke unnötig

Sachverständigenrat für Umweltfragen: 100-prozentige Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energien bis 2050 möglich

Die Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energiequellen kann zum Jobmotor werden, der auch dem Handwerk Aufträge und Arbeit bringt. Foto: BMU/Busse/transit

Atom- und Kohlekraftwerke unnötig

Schon in vier Jahrzehnten könnten die Deutschen ihren Strom ausschließlich aus erneuerbaren Quellen beziehen. Zu dieser Auffassung kommt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU). Eine Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken sowie der Bau neuer Kohlekraftwerke mit Kohlendioxidabscheidung und -speicherung seien für den Übergang zur Stromversorgung aus erneuerbaren Energien nicht notwendig, sind sich die Wissenschaftler einig.

„Deutschland kann im Jahr 2050 zu 100 Prozent klimaschonend mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden“, erklärte der Vorsitzende des Sachversändigenrates, Prof. Dr. Martin Faulstich, vor dem Umweltausschuss des Bundestages. Dort präsentierte der SRU seine Szenarien für eine regenerative Stromversorgung. Der Energieexperte des Rates, Prof. Dr. Olav Hohmeyer, betonte: „Für die Übergangszeit sind weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich. Die Brücke zu den erneuerbaren Energien steht bereits.“

Mit verschiedenen Szenarien zeigt der SRU, dass eine vollständig erneuerbare Stromversorgung bis 2050 zu wettbewerbsfähigen Kosten möglich ist. Dabei sei die Versorgungssicherheit zu jeder Stunde des Jahres gewährleistet. Zugleich würden sich Chancen für nachhaltige Innovationen ergeben, um den Standort Deutschland zukunftsfähiger zu machen.

Ergebnisse der Szenarien

1. Das nachhaltig nutzbare Potenzial an erneuerbaren Energien übersteigt nachweislich den heutigen und künftigen Strombedarf um ein Vielfaches.

2. Da das Angebot von Wind- und Sonnenenergie jedoch erheblich schwankt, müssen Speicher und Netze ausgebaut werden. Für die Speicherung von Strom setzt der SRU auf eine enge Zusammenarbeit mit anderen Staaten. Eine Verbindung skandinavischer Wasserkraft- und Pumpspeicherpotenziale mit den deutschen Erzeugungskapazitäten könne beispielsweise die erforderlichen Ausgleichsmöglichkeiten schaffen und damit die Kosten senken.

3. Die Stromgestehungskosten (Umwandlung von einer Energieform in elektrischen Strom) in einem vollständig auf erneuerbaren Energien beruhenden System sind nach den Berechnungen des SRU wahrscheinlich sogar niedriger als bei einem Mix aus regenerativen und CO2-armen konventionellen Energiequellen. Die Kosten für Erzeugung, Speicherung und internationalen Netzausbau könnten sich 2050 zwischen etwa 6 und 7 ct/kWh bewegen, wenn die Politik auf stringente Effizienz und Einsparung sowie einen europäischen Verbund setze. Die Stromgestehungskosten machen für private Haushalte etwa ein Drittel des Strompreises aus.

4. Die Erneuerung des Kraftwerkparks in Deutschland biete besonders günstige Voraussetzungen dafür, die Stromversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen. Die bestehenden und die bereits im Bau befindlichen konventionellen Kraftwerke könnten dabei entsprechend ihrer normalen Lebensdauer sukzessive vom Netz gehen und durch den Zubau erneuerbarer Erzeugungskapazitäten ersetzt werden.

Der SRU warnt davor, dass durch Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke Überkapazitäten entstehen. Die konventionellen Kraftwerke seien auf Dauer nicht mit der erneuerbaren Stromerzeugung vereinbar, da ihre Leistung nicht schnell genug an die Schwankungen der Wind- und Sonnenenergie angepasst werden könne. Das dauerhafte Nebeneinander von konventioneller und wachsender erneuerbarer Stromerzeugung würde das System ineffizient und unnötig teuer machen.

5. Der Ausbau von Netzen und Speichern sei die größte Herausforderung für einen schnellen Übergang zur regenerativen Stromversorgung. Hier müsse dringend und rasch gehandelt werden. Der SRU empfiehlt der Bundesregierung, bei der Ausbauplanung eine sehr aktive Rolle einzunehmen.

Die vom SRU vorgestellten Szenarien sind Teil eines Sondergutachtens zur Zukunft der Stromversorgung, das der SRU im Herbst veröffentlichen wird. Darin werden insbesondere die politischen, rechtlichen und ökonomischen Voraussetzungen für die Transformation des Stromsystems hin zu einer vollständig regenerativen Versorgung ausführlich behandelt. ste

Die vorab veröffentlichten Szenarien können als „Aktuelle Stellungnahme Nr. 15“ im Internet unter www.umweltrat.de heruntergeladen werden