Für Pflegekräfte wird die Versorgung von Demenzkranken zunehmend zur Belastungsprobe Mit Pillen ruhig gestellt

Die alte Frau war außer sich. Sie wütete und tobte, kratzte und biss - bis die Medikamente wirkten, die ihr die Pflegerin zur Beruhigung gab. Allerdings schlugen die Arzneien so durch, dass die Patientin noch am nächsten Tag teilnahmslos und unbewegt in ihrem Rollstuhl saß. Noch nie habe sie ihre Mutter derart apathisch erlebt, erzählt die Tochter der alten Dame.

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Mit Pillen ruhig gestellt

Berlin (dapd). Die alte Frau war außer sich. Sie wütete und tobte, kratzte und biss - bis die Medikamente wirkten, die ihr die Pflegerin zur Beruhigung gab. Allerdings schlugen die Arzneien so durch, dass die Patientin noch am nächsten Tag teilnahmslos und unbewegt in ihrem Rollstuhl saß. Noch nie habe sie ihre Mutter derart apathisch erlebt, erzählt die Tochter der alten Dame.

Es ist nur eine kleine Episode, die sich so oder so ähnlich tausendfach abspielt in deutschen Pflegeheimen. Rund 1,1 Millionen Menschen in Deutschland sind - wie die genannte Patientin aus Bayern - mit Demenz diagnostiziert. Mindestens 300.000 von ihnen leben Schätzungen zufolge in Heimen - Tendenz stark steigend.

Für die Pflegekräfte dort wird die Versorgung der verwirrten, oft desorientierten und bisweilen aggressiven Demenzkranken zunehmend zur Belastungsprobe. Zu oft - so stellt es der am Mittwoch in Berlin veröffentlichte Arzneimittelreport der Barmer GEK fest - greifen sie auf starke Beruhigungsmittel zurück, um die Versorgung der Patienten überhaupt zu schaffen.

Jeder dritte Demenzkranke bekommt Psychopharmaka

Etwa jeder dritte Demenzkranke erhalte sogenannte Neuroleptika zur Beruhigung, stellt der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske fest und zeigt sich "bestürzt" über den Befund. Denn Demenzkranke erhielten solche Medikamente sechs mal häufiger als Gleichaltrige ohne diese Diagnose.

Dabei sind die Mittel nach seiner Darstellung nicht nur in der Wirksamkeit umstritten, sondern Studien zufolge auch schädlich. Demenzkranke, die Neuroleptika nähmen, hätten eine um 1,6- bis 1,7-fach erhöhte Sterblichkeitsrate gegenüber anderen Patienten ohne die Wirkstoffe. Sinnvoll seien die Mittel, die zur Behandlung von Psychosen entwickelt wurden, nur, wenn ein Patient sich selbst oder andere gefährde, meint Glaeske.

Stattdessen würden sie "mehr und mehr in Bereichen eingesetzt, wo sie nicht indiziert sind" - und zwar vor allem in Altenheimen, wo Personal fehle. Es zeige sich dieselbe Tendenz wie auch bei der Ernährung der Heimbewohner, sagt der Wissenschaftler: Ihnen würden bisweilen Magensonden gelegt, einfach, weil es zu lange dauere, die alten Menschen zu füttern.

Zu beobachten sei eine "Entwicklung, die mit einer Menschenwürde und einer vernünftigen Patientenversorgung nicht in Verbindung zu bringen ist", sagt Glaeske. Angesichts der Zunahme von Demenzerkrankungen werde eine Diskussion darüber unausweichlich.

Im Alltag überfordert

Sabine Jansen von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sieht das ähnlich. Im Stationsalltag herrsche oft Zeitmangel und Überforderung, manchmal auch Hilflosigkeit gegenüber verwirrten und aggressiven Patienten, und übermäßiger Einsatz von Medikamenten sei "auf jeden Fall" ein Problem, weiß die Verbandsgeschäftsführerin. Man dürfe Neuroleptika zwar nicht generell verdammen, doch gebe es tatsächlich eine Tendenz zur Überversorgung.

Eine Alternative wäre, sich genauer mit den Patienten auseinanderzusetzen, ihre Vorlieben und Interessen kennenzulernen und den Grund für ihre Orientierungslosigkeit zu erforschen. Das kostet natürlich Zeit und deshalb auch Geld. Bessere Pflege zum Nulltarif werde es sicher nicht geben, sagt Jansen: "Wir warten auf die Pflegereform."

Doch sei Geld eben nicht alles. Es gebe durchaus Einrichtungen, die es schafften, ehrenamtliche Helfer und Angehörige einzubeziehen und so die Betreuung insgesamt zu verbessern, sagt die Expertin.

So ging es übrigens auch der Patientin aus Bayern. Ihre Tochter kündigte kürzlich den Heimvertrag und brachte die alte Dame in einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke unter, in der sich auch die Angehörigen engagieren. Dort fühle sich die Mutter viel wohler, sagt die Tochter. Die "Bedarfsmedikation" sei dort kein Thema mehr.

dapd