Wir dürfen keinen zurücklassen

Die Betriebe beklagen mangelnde Ausbildungsreife der Azubis. Kommentar von Rudi Baier

Wir dürfen keinen zurücklassen

Einer dieser Tage veröffentlichten Umfrage des DIHKT zufolge, beklagen knapp drei Viertel der Betriebe die mangelnde Ausbildungsreife von Lehrstellenbewerbern. Bemängelt werden vor allem schlechte schulische Qualifikationen, aber auch mangelnde Sozialkompetenz. Ähnliche Erfahrungen machen Handwerksmeister allenthalben. Das Handwerk verweist seit langem darauf, dass die jährlich heraufbeschworene Lehrstellenmisere weitgehend keine Frage der Anzahl der angebotenen Ausbildungsplätze ist, sondern der mangelnden Qualifikation der Lehrstellenbewerber.

Nun wäre es recht einfach, pauschal auf die Jugendlichen einzuprügeln und die guten alten Zeiten heraufzubeschwören. "Die Jugend heutzutage hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte." Wer dies gesagt hat, war kein Geringerer als der griechische Philosoph Sokrates – und das bereits vor über 2400 Jahren. ZDH-Präsident Otto Kentzler hat völlig recht, wenn er betont, die jungen Leute heute seien nicht schlechter als früher. Allerdings würden sie von der Schule oft schlechter vorbereitet entlassen. Hier muss man ansetzen. Man muss allerdings durchaus zugestehen, dass dieses Problem weitgehend erkannt wurde. Die meisten Bildungspolitiker sind sich darüber einig, dass die allgemeinbildenden Schulen besser auf die Arbeitswelt vorbereiten müssen und die Schulen bemühen sich nach Kräften, dies auch umzusetzen. Allerdings kann die Schule nicht alles leisten. Vieles, was zu Hause im Elternhaus an Erziehung versäumt wurde, kann die Schule auch nicht ausbügeln. Das betrifft oft Sekundärtugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit etc. Otto Kentzler sagt, dass derjenige, dem die Ausbildung Spaß macht und der sich reinhängt, auch mit schlechten Schulnoten sein Ziel erreicht. Das gilt sicher auch für diejenigen Jugendlichen, die keine gute Erziehung genossen haben. Denn dass der dumme alte Spruch, „was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ nicht stimmen kann, erfahren Handwerker tagtäglich. Wer nicht permanent dazulernt und sich fortbildet, der wird schnell vom Markt verdrängt sein.

Also sollten wir den jungen Leuten eine Chance geben – und zwar allen. Sie müssen allerdings ausbildungsfit gemacht werden und wir müssen sie während der Ausbildung unterstützen. Aber auch das ist bereits tägliche Praxis. Am Rande stehen lassen dürfen wir keinen. Aus gesellschaftspolitischem Interesse und aus Eigeninteresse sowieso. Die demografische Entwicklung zwingt uns dazu, denn es werden immer weniger Jugendliche aus den allgemeinbildenden Schulen entlassen und die Arbeitskräfte werden immer älter. Wir brauchen den Nachwuchs im Handwerk. Und den kann das Handwerk nur selbst ausbilden.