Der Sommer hat noch nicht angefangen, aber schon jetzt steht fest: 2011 wird ein Horrorjahr für die deutsche Mineralölindustrie. Erst versenkt die Branche weit mehr als 100 Millionen Euro bei der verstolperten Einführung des Bio-Benzins E10, dann kritisiert das Kartellamt die Ölindustrie als Oligopol und legt den Firmen Ketten an bei geplanter Expansion.
Horrorjahr für die deutsche Mineralölindustrie
Hamburg (dapd). Der Sommer hat noch nicht angefangen, aber schon jetzt steht fest: 2011 wird ein Horrorjahr für die deutsche Mineralölindustrie. Erst versenkt die Branche weit mehr als 100 Millionen Euro bei der verstolperten Einführung des Bio-Benzins E10, dann kritisiert das Kartellamt die Ölindustrie als Oligopol und legt den Firmen Ketten an bei geplanter Expansion. Praktisch nebenher erreichte der Benzinpreis noch den höchsten Stand aller Zeiten - die Ölmultis sind in der Defensive.
Zuletzt musste die Industrie neue Zugeständnisse beim Problemsprit E10 machen: Die Ölkonzerne verkleinerten zu Wochenbeginn den Preisabstand zwischen klassischem Superbenzin und dem ungeliebten Biosprit. Statt bisher 5 Cent nehmen Aral, Shell, Total und andere nur noch 3 Cent mehr für den Liter herkömmlichen Supers im Vergleich zum billigeren E10. Der Preisunterschied gilt aber nur für Tankstellen, an denen beide angeboten werden.
"Die Situation ist nicht zufriedenstellend", sagt Karin Retzlaff vom Mineralölwirtschaftsverband, dem Sprachrohr der Ölmultis in Berlin. In der Tat: So sehr wie in diesen Wochen stand die Branche lange nicht unter Druck. So fordern führende FDP-Politiker bereits ein Entflechtungsgesetz, mit dem Monopole, also ein Anbieter und viele Nachfrager, und Oligopole, nur wenige Anbieter und viele Nachfrager, zerschlagen werden könnten.
Die Mineralölindustrie wäre wie gemacht dafür, so ein Gesetz zu erproben. "Die fünf großen Tankstellenbetreiber in Deutschland machen sich gegenseitig keinen wesentlichen Wettbewerb, sie bilden ein marktbeherrschendes Oligopol", sagte vor einer Woche Kartellamtschef Andreas Mundt, dessen Behörde den Benzinmarkt untersuchte. Deshalb zahlten die Autofahrer höhere Benzinpreise als nötig, erklärte das Amt.
Mit einem Entflechtungsgesetz könnte das Kartellamt möglicherweise Giganten wie Shell, Aral oder Esso zum Verkauf von Tankstellen zwingen und so für mehr Wettbewerb sorgen. Dazu kommt: Alle Ölkonzerne sind in ausländischer Hand: Marktführer Aral ist über die Mutter BP britisch, Shell holländisch-britisch, Esso und Jet US-amerikanisch und Total kommt aus Frankreich. Ein gesetzliches Vorgehen gegen ausländische Konzerne, die ihre Marktmacht zur Abzocke deutscher Autofahrer missbrauchen, könnte für Politiker im Kampf um Wählerstimmen vor der Bundestagswahl 2013 verlockend sein.
Dabei hat sich die Ölindustrie seit Jahresbeginn so angestrengt, den Willen der Politik aufzugreifen: Auf Druck des Umweltministeriums führten die Tankstellen die Benzinsorte Super E10 ein, einen Kraftstoff mit 10 Prozent Anteil klimafreundlichen Bio-Ethanols. So sollte der CO2-Ausstoß der Autos gesenkt werden.
Doch die Sache wurde zum Flop: Weil weder Tankstellenbetreiber, noch Autobauer, noch Politik die Kunden erfolgreich über die Vorteile von E10 aufklärten, verweigerten sich Millionen deutscher Autofahrer dem neuen Sprit.
Nachdem die Ölkonzerne Tankstellen, Raffinerien und Transportsystem mit Millionenaufwand auf das neue Benzin umgestellt hatten, mussten sie zurückrudern und noch mehr Millionen dafür ausgeben, das alte Super zurückzuholen. "Das alles kostete die Branche einen dreistelligen Millionenbetrag", sagt Verbandsfrau Retzlaff. Ein Ende der Kostenbelastung ist nicht in Sicht: Den Konzernen stehen Anfang 2012 hohe Abgabenbescheide ins Haus, weil sie zu wenig E10 verkaufen.
Ein Trost für die Tankstellenbetreiber: Im ersten Quartal stieg trotz aller Verwirrung der Benzinabsatz um mehr als 3 und der Dieselabsatz um mehr als 8 Prozent. Und: Das große Geld verdienen die Ölkonzerne seit vielen Jahren nicht an den Tankstellen. Das große Geld verdienen sie an den Ölquellen in Alaska, der Nordsee, im Golf von Mexiko, Nordafrika oder vor Nigeria.
dapd
