629 Millionen Euro für Essener Unternehmen veranschlagt - Billigmarke soll aber erhalten bleiben Chinesischer Computerspezialist will Aldi-Lieferanten Medion schlucken

Der als Aldi-Lieferant bekannt gewordene Elektronikkonzern Medion soll chinesisch werden: Der weltweit viertgrößte Computerhersteller Lenovo will das Essener Unternehmen schlucken. Die Billigmarke wird jedoch nicht aus den Regalen verschwinden - Medion soll eigenständig bleiben, wie Lenovo am Mittwoch in Hongkong mitteilte.

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Chinesischer Computerspezialist will Aldi-Lieferanten Medion schlucken

Hongkong/Essen (dapd). Der als Aldi-Lieferant bekannt gewordene Elektronikkonzern Medion soll chinesisch werden: Der weltweit viertgrößte Computerhersteller Lenovo will das Essener Unternehmen schlucken. Die Billigmarke wird jedoch nicht aus den Regalen verschwinden - Medion soll eigenständig bleiben, wie Lenovo am Mittwoch in Hongkong mitteilte. Die Chinesen erreichen mit der Übernahme einen Marktanteil von 7,5 Prozent in Europa.

Den Kauf des Essener Unternehmens, das neben PCs unter anderem auch Fernseher, DVD-Abspielgeräte, Telefone, Autoradios und Toaster herstellt, will sich Lenovo 629 Millionen Euro kosten lassen. Je Aktie sollen 13 Euro in bar gezahlt werden. Am liebsten würde der chinesische Computerriese Medion komplett übernehmen - zumindest sollen es aber 51 Prozent des Grundkapitals sein.

Medion-Chef Gerd Brachmann haben die chinesischen Manager jedenfalls schon auf ihre Seite ziehen können: Der Mehrheitsaktionär verkauft rund 36,7 Prozent des Grundkapitals an Lenovo - knapp 17,75 Millionen Aktien für rund 230,7 Millionen Euro. 80 Prozent davon bekommt Brachmann bar, 20 Prozent in Form von Lenovo-Aktien. Über die restlichen gehaltenen Papiere sei eine langfristige Call- und Put-Option vereinbart worden, hieß es. Brachmann erklärte, er sei stolz, in eines der weltweit am schnellsten wachsenden Computerunternehmen zu investieren.

Für Lenovo-Chef Yang Yuanqinq ist das Angebot ein "weiterer offensiver Schachzug" in der langfristigen Strategie des Konzerns. Mit der Übernahme der Essener werde Lenovo sein Kerngeschäft um neue Geschäftssparten erweitern, die wesentlich für weiteres Wachstum seien. In Deutschland würden beide Unternehmen zusammen einen Marktanteil von mehr als 14 Prozent erreichen.

Die Offerte für den Aldi-Lieferanten steht den Angaben nach noch unter Vorbehalt der wettbewerbsrechtlichen Genehmigung. Außerdem muss die Mindestannahmeschwelle erreicht werden.

Für Lenovo, 1984 von einer Gruppe junger Wissenschaftler gegründet, ist die Übernahme längst nicht die erste. 2005 verleibte sich das Unternehmen in einem spektakulären Zug die PC-Sparte des amerikanischen IT-Konzern IBM ein - für 1,75 Milliarden Dollar. Im Januar dieses Jahres gab Lenovo bekannt, im PC-Geschäft mit dem japanischen Elektronikkonzern NEC Corporations zu fusionieren. Das neue Gemeinschaftsunternehmen gehört zu 51 Prozent Lenovo und zu 49 Prozent NEC. Auch hier sollen die Produkte weiter unter den bisherigen Markennamen verkauft werden.

Die Einkaufstour kann sich der Computerriese leisten: In der vergangenen Woche gab Lenovo bekannt, den Gewinn im Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr auf mehr als 273 Millionen Dollar (mehr als 189 Millionen Euro) verdoppelt zu haben. Der Umsatz legte um 30 Prozent zu auf 21 Milliarden Dollar. Den Löwenanteil erwirtschaftete Lenovo mit dem Verkauf von Laptops. In China besitzt der Konzern heute einen Marktanteil von 27,6 Prozent.

Medion, 1983 gegründet, ist vor allem mit der Belieferung von PCs an den Discounter Aldi groß geworden. Die Produkte werden aber unter anderem auch von Tchibo, Karstadt und Media Markt vertrieben. Das Geschäftsmodell der Essener zielt darauf ab, Kunden funktionale und qualitativ hochwertige Ware zu niedrigen Preisen zu bieten.

Im laufenden Jahr erwartet Medion dank des Booms von Tablet-PCs ein zweistelliges Gewinnwachstum. Der Konzern rechnet - nach Angaben vom März - mit einer Steigerung des operativen Ergebnisses (Ebit) von 15 bis 20 Prozent. 2010 hatten die Essener ihren Umsatz um 16,4 Prozent auf mehr als 1,6 Milliarden Euro erhöhen können. Der Konzernjahresüberschuss lag mit 19 Millionen Euro um knapp 36 Prozent über dem Vorjahresniveau.

Die Medion-Aktie, die am Dienstag nach ersten Übernahmespekulationen mit einem Aufschlag von 5,7 Prozent aus dem Handel gegangen war, verteuerte sich am Mittwochmorgen um weitere 18,3 Prozent auf 13,07 Euro.

dapd