Trittin und Özdemir kritisieren die De-Facto-Rückkehr zum rot-grünen Atomausstiegsbeschluss Die Grünen zieren sich

Die Grünen sehen beim Atomausstiegsbeschluss der Koalition noch Wünsche offen. Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin verlangte am Dienstag ein früheres Ausstiegsdatum. Parteichef Cem Özdemir forderte die Koalition zu Nachbesserungen auf. Das Handwerk lobte die Pläne für die Sanierung von Gebäuden für sparsameren Energieverbrauch.

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Die Grünen zieren sich

Berlin (dapd). Die Grünen sehen beim Atomausstiegsbeschluss der Koalition noch Wünsche offen. Bundestagsfraktionschef Jürgen Trittin verlangte am Dienstag ein früheres Ausstiegsdatum. Parteichef Cem Özdemir forderte die Koalition zu Nachbesserungen auf. Das Handwerk lobte die Pläne für die Sanierung von Gebäuden für sparsameren Energieverbrauch. In der Union wurde die Forderung nach weiterer Unterstützung für die Atomforschung laut.

Die Koalition hat beschlossen, alle Atomkraftwerke in Deutschland bis 2022 stillzulegen. Özdemir forderte, die sieben ältesten Meiler und das Pannenkraftwerk Krümmel abgeschaltet zu lassen. Die Koalition will eines dieser Atomkraftwerke bis 2013 als sogenannte Kaltreserve für eventuelle Stromengpässe in Bereitschaft halten. Özdemir nannte das "physikalischen Unfug". "Man kann Atomkraftwerke nicht schnell mal an- und abschalten wie einen Lichtschalter", kritisierte er. Das bringe Sicherheitsprobleme mit sich.

Trittin argumentierte: "Atomkraftwerke sind zur Regelung von Lastspitzen ungeeignet, weil sie viel zu langsam hoch- und runtergefahren werden können." Als Ersatzkapazität seien Gas- und kleinere Kohlekraftwerke besser geeignet.

Eine Zustimmung der Grünen zum schwarz-gelben Atomausstieg halte er für unwahrscheinlich, sagte Trittin. Wenn die Koalition auf die Opposition zugehen wolle, müsse sie beim Ausstiegsdatum einen Kompromissvorschlag vorlegen, der sich zwischen 2017 und 2021 bewege. "Dem Anspruch, den die Kanzlerin nach Fukushima erhoben hatte, nämlich so schnell wie möglich aus der Atomenergie auszusteigen, wird sie nicht gerecht", sagte Trittin.

Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, sagte, er erwarte vom neuen Energiekonzept der Bundesregierung einen "Riesenschub" für seine Branche. Die Bundesregierung wolle 1,5 Milliarden Euro in die energetische Gebäudesanierung investieren. Die Sanierung veralteter Heizungsanlagen und der Gebäudehülle sei ein Schlüssel für die Energiewende. 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs entfielen auf Gebäude.

"Einsparung ist unsere nachhaltigste Energiequelle", sagte Schwannecke. Er erwarte schnelle Erfolge. "Allerdings sollten aus Expertensicht mindestens zwei Milliarden Euro dafür vorgesehen werden, und das unbedingt ab 2012", sagte Schwannecke. Das Handwerk werde sich an der Überwachung der Beschlüsse zur Energiewende beteiligen. "Es muss immer gelten, dass die Stromversorgung sicher und bezahlbar ist", betonte der Handwerksfunktionär.

Özdemir sagte, er rechne im Zuge der Energiewende mit Mehrkosten für die Verbraucher. "Die Stromkosten werden steigen", räumte er ein. Langfristig gehe er jedoch von stabilen Preisen aus. "Wenn die Marktmacht der vier großen Stromkonzerne durch neue Anbieter von erneuerbaren Energien durchbrochen wird, können die Preise sogar sinken", sagte Özdemir.

Der frühere Chef des Chemiekonzerns BASF, Jürgen Hambrecht, sagte, der Atomausstieg bis 2022 sei ein sehr ehrgeiziges Ziel. Wenn nicht ausreichend grundlastfähiger Strom bereitgestellt werde, müsse man die Energiewende gegebenenfalls noch um ein paar Jahre strecken. Neben der Versorgungssicherheit müsse gewährleistet werden, dass Strom bezahlbar bleibe. "Die deutsche Industrie kann sich keine weiteren Strompreiserhöhungen leisten", sagte Hambrecht. Er war Mitglied der Ethikkommission der Bundesregierung zur Zukunft der Energieversorgung, die einen Atomausstieg bis 2021 empfohlen hatte.

Der Vorsitzende der thüringischen CDU-Landtagsfraktion, Mike Mohring, forderte ungeachtet des Atomausstiegsbeschlusses der Koalition weitere Staatsgelder für die Atomforschung. Das gehöre zur Glaubwürdigkeit der Union in der Energiefrage. "Selbst wenn wir alle Kernkraftwerke abschalten, wird in der Welt um uns herum weiter Atomstrom produziert werden", sagte er. "Deshalb brauchen wir weiterhin Ingenieursverstand, um die Anlagen sicher zu machen und für die Kernfusionsforschung."

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