Missbrauchsopfer sind auf Hilfe angewiesen, auch wenn sexuelle Übergriffe bereits Jahre zurückliegen. Das ist eine zentrale Aussage im am Dienstag in Berlin vorgestellte Abschlussbericht der Beauftragten zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch, Christine Bergmann. "Viele Betroffene leiden auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Erlebten noch an den Folgen des Missbrauchs", sagte Bergmann.
Missbrauchsopfer brauchen auch nach Jahren Therapie und Beratung
Berlin (dapd). Missbrauchsopfer sind auf Hilfe angewiesen, auch wenn sexuelle Übergriffe bereits Jahre zurückliegen. Das ist eine zentrale Aussage im am Dienstag in Berlin vorgestellte Abschlussbericht der Beauftragten zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch, Christine Bergmann. "Viele Betroffene leiden auch Jahre und Jahrzehnte nach dem Erlebten noch an den Folgen des Missbrauchs", sagte Bergmann. Für Therapiekosten von Betroffenen, die in Institutionen missbraucht wurden, solle die Einrichtung zahlen.
Bergmann sagte, dabei gehe es nicht nur um eine materielle Wiedergutmachung, sondern auch um die Anerkennung des Verbrechens. Auf Wunsch von Betroffenen sollten Institutionen daher einmalig eine Anerkennungssumme zahlen, die sich an einem gerichtlich erzielbarem Schmerzensgeld zum Zeitpunkt des Missbrauchs orientiert. Die Einrichtung solle sich zudem verpflichten, den Fall aufzuarbeiten, und das Opfer um Verzeihung bitten.
Bergmann forderte zudem eine Anhebung der Verjährungsfristen für Schadensersatzansprüche auf 30 Jahre, gerechnet ab dem 21. Lebensjahr. Ein entsprechender Gesetzesentwurf der Bundesregierung zur Stärkung der Rechte von Opfern sexuellem Missbrauchs sieht dagegen vor, dass die Verjährungsfrist von bisher drei auf 30 Jahre verlängert wird, aber gerechnet ab dem Tatzeitpunkt. Die Vorschläge des Justizministeriums erforderten kleine Nachbesserungen, sagte Bergmann.
Vielen Betroffenen wird nicht geglaubt
Der Abschlussbericht basiert auf einer Auswertung von 13.000 Anrufen und Briefen, die die Geschäftsstelle erreichten. Zudem wurden Studien einbezogen, Psychotherapeuten befragt und zahlreiche Gespräche mit Experten aus Beratungsstellen und Betroffeneninitiativen geführt.
Opfer sexuellen Missbrauchs brechen demnach oft erst nach langer Zeit ihr Schweigen. Der Leiter der wissenschaftlichen Begleitforschung, Jörg Fegert, sagte, bei 90 Prozent derer, die sich meldeten, habe das Missbrauchsgeschehen in der Vergangenheit gelegen. Vielen sei nicht geglaubt und nicht geholfen worden, sagte der Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm.
Zudem lasse sich zusammenfassen, dass ein Täter oft mehrere Kinder über einen längeren Zeitraum missbraucht, sagte Fegert. 87 Prozent berichteten von mehrfachem und über längerem Zeiträume stattfindenden Missbrauch. In Institutionen fänden häufiger Übergriffe auf Männer statt, Frauen seien häufiger Opfer innerhalb der Familie. Hier sei nicht immer nur der Vater (52 Prozent) Täter, sondern auch immer wieder Onkel, Bruder oder Stiefvater, sagte der Arzt. Opfer beklagten als langfristige Folgen vermehrt körperliche Beschwerden, Beziehungsprobleme und Alpträume, aber auch Leistungsbeeinträchtigungen, mangelndes Selbstwertgefühl sowie Probleme mit Körperlichkeit und Sexualität.
Bergmann wurde im März 2010 von der Bundesregierung zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in Institutionen und in Familien berufen und wird noch bis Ende Oktober 2011 als unabhängige Beauftragte tätig sein. Bis dahin wird auch die telefonische Anlaufstelle fortgeführt. Bei der nächsten Sitzung des Runden Tisches "Sexueller Missbrauch" am 6. Juni wird das Gremium über Bergmanns Abschlussbericht beraten.
"Mit den Empfehlungen ist die Aufarbeitung nicht abgeschlossen, dies kann nur ein erster Schritt sein", sagte Bergmann. Der Runde Tisch müsse konkrete Handlungen folgen lassen.
Der von der Bundesregierung initiierte Runde Tisch "Sexueller Missbrauch" hatte seine Arbeit im April 2010 aufgenommen, nachdem massenhaft Missbrauchsfälle in Schulen und katholischen Einrichtungen ans Licht gekommen waren. Den Vorsitz haben Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Familienministerin Kristina Schröder sowie Bildungsministerin Annette Schavan (beide CDU). Mitglieder sind rund 60 Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft.
dapd
