Grundstück des Ehepaar aus Sagerheide grenzt an Agrogentechnik-Versuchsfelder Mecklenburger Gentechnik-Gegner klagen vor Menschenrechtsausschuss

Auf ihrem Grundstück im mecklenburgischen Sagerheide hatte Ute Strauß sich ein eigenes kleines Maisfeld anlegen wollen, jetzt hat sie den Samen in den Keller verbannt. "Ich traue mich einfach nicht mehr, den auszulegen", sagt die 45-Jährige. Dabei verweist die Werbefachfrau auf ein unmittelbar an ihren Garten grenzendes Feld, auf dem Mais beginnt, aus dem Boden zu schießen.

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Mecklenburger Gentechnik-Gegner klagen vor Menschenrechtsausschuss

Sagerheide/Groß Lüsewitz (dapd-lmv). Auf ihrem Grundstück im mecklenburgischen Sagerheide hatte Ute Strauß sich ein eigenes kleines Maisfeld anlegen wollen, jetzt hat sie den Samen in den Keller verbannt. "Ich traue mich einfach nicht mehr, den auszulegen", sagt die 45-Jährige. Dabei verweist die Werbefachfrau auf ein unmittelbar an ihren Garten grenzendes Feld, auf dem Mais beginnt, aus dem Boden zu schießen.

"Der ist gentechnisch verändert. Was weiß ich, was davon womöglich eines Tages auf meine Pflanzen rüberweht", sagt Ute Strauß.

Die gebürtige Freibergerin und ihr Mann sind in den 1980er Jahren nach Sagerheide, einer kleinen Gemeinde unweit von Rostock gezogen. "Inmitten unberührter Natur. Genau das wollten wir. Nun ist alles aus und vorbei", sagt Andreas Strauß. Seit 2004 im benachbarten Groß Lüsewitz eines der bundesweit größten Gentechnik-Versuchzentren eröffnet wurde, habe sich ein großer Wandel vollzogen. Das Ehepaar sieht sich in seinen Menschenrechten auf Gesundheit und Selbstbestimmung verletzt und hat dagegen vor der UN-Menschenrechtsausschuss geklagt.

Das Groß Lüsewitzer Biotechnikum kostete 9,2 Millionen Euro gekostet, nahezu 30 Hektar Versuchsfelder können pachtfrei genutzt werden. "Seitdem haben wir ein Problem. Wir wissen nie, was man uns vor die Haustür sät", empört sich Andreas Strauß, der in seinem Haus einen eigenen Verlag betreibt. "Eigentlich hatten wir vor, im oberen Stockwerk Ferienwohnungen einzurichten. Aber seitdem Sagerheide mit seinen Versuchsfeldern inzwischen sogar international für Negativschlagzeilen sorgt, kommt hier kein Urlauber mehr hin", ergänzt Ehefrau Ute. Die finanziellen Ausfälle seinen dabei gar nicht mal das Entscheidende, sagen beide. Vielmehr fürchtet das Ehepaar zunehmend um die eigene Gesundheit.

"All unsere Bemühungen, für unsere Sorgen und Nöte Gehör zu finden, blieben bislang erfolglos. Ob beim Bund, bei der Landesregierung, bei zuständigen Ämtern und Behörden, überall Fehlanzeige", erläutert der 50-Jährige. "Selbst von den Betreibern der Versuchsflächen haben wir nur lapidar zu hören bekommen, das sei überhaupt nicht schlimm, die grüne Gentechnik sei nun mal zukunftsweisend", macht Ute Strauß ihrem Unmut Luft und beobachtet dabei einen Wachmann, der kontrollierend um das doppelt eingezäunte Versuchsfeld schreitet.

Im Biotechnikum spricht man von Auftragsforschung in enger Zusammenarbeit mit den Universitäten und Instituten des Landes. Ziel sei, neue Entwicklungen im Bereich der grünen Biotechnologie anzustoßen und dabei Verbrauchersicherheit durch eine unabhängige Begleitforschung zu schaffen, wie Leiterin Inge Broer seit Inbetriebnahme des Zentrums immer wieder erklärt.

Doch Ute und Andreas Strauß wollen den Unbedenklichkeitserklärungen nicht folgen. Meldungen über ungewollte Verbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen, über protestierende Bauern, die dadurch ihre Existenz verloren haben, bis hin zu nicht eindeutig erklärten Erkrankungen von Menschen in aller Welt füllen bei ihnen inzwischen ganze Aktenordner.

"Weil Politik und die beteiligte Wirtschaft und Wissenschaft das aber nicht zur Kenntnis nehmen wollen, haben wir uns entschieden, als mündige Bürger vor dem UN-Menschenrechtsausschuss die BRD zu verklagen. Dieses Recht ist uns international zugesichert, sozusagen als letzte Möglichkeit, nationale Missstände öffentlich zu machen", sagt Andreas Strauß. Viel lieber, als in Genf vorstellig zu werden, hätte das Ehepaar eine Volksabstimmung zum Thema Gentechnik, das aber lässt die Verfassung nicht zu.

Wie die Entscheidung der Ausschussmitglieder in Genf, die am Montag bekannt gemacht werden soll, ausfallen wird, ist völlig offen. "Alles ist möglich. Von Ablehnung der Klage bis hin zu einer Empfehlung an die Bundesregierung, auf weitere Gentechnikversuche und auch den Anbau bereits zugelassener Pflanzen künftig zu verzichten", sagt Andreas Strauß. Seine Frau ist optimistisch. Es habe lange Zeit bis zum Umdenken in Sachen Atompolitik gebraucht, "warum soll so etwas nicht auch unsere Klage in Genf auslösen?"

dapd