Jubel braust auf im Stuttgarter Landtag. Es ist geschafft, die Abgeordneten von Grünen und SPD haben mit Winfried Kretschmann den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands gewählt. Erstmals seit fast 58 Jahren ist in Baden-Württemberg die CDU-Herrschaft gebrochen.
Jubel im Stuttgarter Landtag über Zeitwende
Stuttgart (dapd). Jubel braust auf im Stuttgarter Landtag. Es ist geschafft, die Abgeordneten von Grünen und SPD haben mit Winfried Kretschmann den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands gewählt. Erstmals seit fast 58 Jahren ist in Baden-Württemberg die CDU-Herrschaft gebrochen.
Nach der Verkündung des Ergebnisses am Donnerstag wird der neue Ministerpräsident sofort umringt und beglückwünscht. Ein fulminanter Sieg des ersten grün-roten Projekts in Baden-Württemberg: Der Grüne Kretschmann kann sich über zwei zusätzliche Stimmen - aus der CDU-Fraktion, wie kurz darauf gemunkelt wird - freuen.
Als der Applaus abflaut, erhebt sich der 62-jährige Wahlsieger und antwortet dem neuen Parlamentsvorsitzenden Willi Stächele: "Herr Landtagspräsident, ich nehme die Wahl an und danke für das Vertrauen des hohen Hauses." Dann schreitet er zum Pult des Landtagspräsidenten und leistet den Amtseid. Der bekennende Katholik wählt dabei den Zusatz "so wahr mir Gott helfe".
Ergriffen blickt er daraufhin durch den Plenarsaal, hinauf auf die stark gefüllte Besuchertribüne. Danach geht er zu seinem neuen Platz, der Regierungsbank rechts mit Blick auf das Plenum, in dem er 23 Jahre lang auf der Oppositionsbank gesessen hatte.
Bei den vielen Glückwünschen ist dem neuen Landeschef indes kein strahlendes Lächeln abzuringen. Meist blickt er bescheiden zu Boden und nickt. Er sei vor der Abstimmung im Landtag "schon etwas nervös" gewesen, räumt er in den ersten Interviews ein. "Es hielt sich aber in Grenzen", beteuert der frisch gebackene Regierungschef, wie eh und je mit grüner Krawatte. Über die zwei zusätzlichen Stimmen freue er sich, sehe nun aber die Verpflichtung nicht zu polarisieren. "Für mich persönlich ist es eine große Herausforderung. Ich habe großen Respekt vor dem Amt."
Die Erleichterung, die dem 62-Jährigen nach seiner Vereidigung anzusehen ist, ist auch bei seiner Familie erkennbar. "Wenn man das so viele jahrelang mitmacht, auch die vielen Tiefs und dann hat man den ersten Etappensieg errungen, das ist so schön", sagt seine Ehefrau Gerlinde.
Sie zeigt sich nicht überrascht, dass ihr Mann bei der Abstimmung zwei Stimmen aus den Reihen von CDU und FDP erhielt. "Ich hab eigentlich schon damit gerechnet, dass er mehr Stimmen bekommt", bekennt sie.
Sein Bruder Ulrich drängt Kretschmann von einer Fernsehkamera weg und gratuliert ihm zu seiner "großen Aufgabe". Als er Grünen-Chefin Claudia Roth erblickt, die sich als Gratulantin hinter ihm einreiht, ruft er: "Ach und da kommt der Goldrauschengel." Roth, im quietschgrünen Kostüm, richtet dem Wahlsieger "alle, alle guten Wünsche" der Partei aus. "Das ist für mich Winfried Kretschmann", sagt sie und überreicht ihm ein Wahlkampfplakat der Grünen aus dem Jahr 1988 auf dem zu lesen ist, "Demokratie wächst von unten". Dies stehe symbolisch für Kretschmanns Stil, zuzuhören und nicht von oben nach unten zu entscheiden, erläutert sie.
Anders als Roth will Kretschmanns langjähriger Weggefährte Rezzo Schlauch nicht von einem historischen Tag sprechen. "Ich halte nichts von Überhöhungen", sagt er. Die Wahl Kretschmanns sei zwar "ein Kracher", aber Kretschmann sei wie "kaum ein anderer Politiker geerdet". Vor dem Landtag halten einige Anhänger des Grünen-Politikers Plakate mit Kretschmanns gekröntem Konterfei in die Höhe. Die Erwartungen an die nun auf die Landesregierung zukommende Arbeit sind groß.
Im ehemaligen Regierungslager sind kurz nach der Abstimmung die Überläufer bei der Wahl Kretschmanns schnell identifiziert. FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke versichert, aus seiner Fraktion seien sie nicht gekommen. Dies hätten ihm die Abgeordneten "glaubhaft versichert". Das "Mappus-Lager" soll schuld sein, ist aus CDU-Kreisen zu hören. Im parteiinternen Gerangel seit der Wahlniederlage sind die Gräben zwischen der Anhängerschaft des bisherigen Ministerpräsidenten und der von CDU-Fraktionschef Peter Hauk tiefer geworden. "Die wollten uns Eins auswischen", heißt es von dessen Seite. Der Profiteur des internen Streits ist Kretschmann.
dapd
