Rami M. passt so gar nicht in das Bild eines Al-Kaida-Mitglieds, das sich in den Bergen Pakistans in einem Terrorcamp ausbilden lässt: Mit gegelten Haaren und glänzender Jogginghose betritt der 25-Jährige am Donnerstag den Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main, wirft seiner Mutter fröhlich Kusshände zu und spickt seine Aussage mit kleinen Scherzen.
Für den Dschihad nicht geeignet
Frankfurt/Main (dapd-hes). Rami M. passt so gar nicht in das Bild eines Al-Kaida-Mitglieds, das sich in den Bergen Pakistans in einem Terrorcamp ausbilden lässt: Mit gegelten Haaren und glänzender Jogginghose betritt der 25-Jährige am Donnerstag den Saal des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main, wirft seiner Mutter fröhlich Kusshände zu und spickt seine Aussage mit kleinen Scherzen.
Der füllige junge Mann legt ein umfangreiches Geständnis über seine Zeit in Waziristan ab - und erklärt, warum er nicht für den Dschihad geschaffen ist: viel zu anstrengend. Das ist wohl auch der Grund, warum seine Terrorkarriere ein so vergleichsweise glimpfliches Ende fand: Das Gericht stellt eine Haftstrafe von viereinhalb bis fünf Jahren in Aussicht.
Bedingung für diesen Deal ist, dass Rami M. im Prozess alles zugibt und bereitwillig Auskunft über seinen Trip zur Al-Kaida gibt. Neben der Zeit in Untersuchungshaft würden ihm dafür auch teilweise die zwei Monate im Gefängnis in Pakistan angerechnet, sagt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel. Und der Angeklagte kann mit einem schnellen Prozess rechnen: Am Freitag (11.00 Uhr) wird die Verhandlung fortgesetzt, Montag soll schon das Urteil fallen.
Die Bundesanwaltschaft wirft Rami M. vor, ab Mai 2009 bis zu seiner Festnahme im Juni 2010 Mitglied der Al-Kaida gewesen zu sein. Nach seiner Ausbildung im Umgang mit Waffen sei er auch an Kampfhandlungen gegen die pakistanische Armee beteiligt gewesen. Rami M. nickt, doch seine Version der Geschichte klingt gar nicht mehr so kaltblütig.
So bekam der junge Mann in Pakistan bald Heimweh. Er sei das anstrengende Leben in den Bergen nicht gewohnt gewesen. "Ich bin ein Stadtmensch", betont der gebürtige Frankfurter. Auslöser für die Entscheidung zur Rückkehr war ein Streit ums Telefonieren. Auf dem Weg nach Afghanistan sei ihm mitgeteilt worden, dass er aus Sicherheitsgründen seine Familie nicht mehr anrufen dürfe. Damit war für ihn das Maß vor. "Als ich in Waziristan war, habe ich mich regelmäßig bei meiner Mami gemeldet, fast jeden Tag."
Detailliert schildert Rami M. den Weg seiner Radikalisierung, grinst breit, als er davon erzählt, wie er als Jugendlicher ständig Partys feierte und Haschisch rauchte: "Ich war dauerbekifft." Mit 22 Jahren entdeckte er im Fastenmonat Ramadan zum ersten Mal den Islam für sich. Fortan fuhr er mit seinem Roller regelmäßig zu verschiedenen Moscheen und sah sich Propagandavideos im Internet an. Im Netz lernte er auch seine spätere Frau kennen, geschieden mit Kind und konvertierte Muslimin. Wegen ihr zog er nach Hamburg.
Dort habe er in der mittlerweile geschlossenen Al-Quds-Moschee Gleichgesinnte gefunden. "Mir war klar, dass ich auswandern wollte. Ich passte nicht mehr in Deutschland rein", sagt Rami M. Er habe mitten unter Muslimen leben wollen. Gemeinsam mit einem Freund reiste er über den Iran nach Pakistan. Ein Schleuser knöpfte ihnen ihre Reisekasse ab und setzte sie in der als Dschihadisten-Treffpunkt bekannten Stadt Mir Ali in Waziristan ab. Ein Abstecher in das Lager der Terrororganisation "Islamische Bewegung Usbekistan" (IBU) dauerte nicht lange, Rami M. fühlte sich bei all den strikten Vorschriften nicht wohl. Also habe er sich bei der Al-Kaida beworben - und erhielt eine Zusage.
In den Bergen sei er im Umgang mit Waffen geschult worden, berichtet der Angeklagte, dazu zählten unter anderem Maschinengewehre und Kalaschnikows. Abends hätten sie Lieder gesungen. Beim Vormarsch der pakistanischen Armee habe sich die Truppe auf die andere Seite der Berge zurückgezogen, er selbst sei jedoch mit dem Taxi nach Mir Ali zurückgekehrt. "Ich wollte erstmal Ruhe haben nach dem ganzen Stress." Die letzten acht Monate hätten ihn stark mitgenommen. Er sei es nicht gewohnt gewesen, in Zelten zwischen Bäumen zu wohnen.
Als sich die Angriffe auf die Stadt verstärkt hätten, sei er mit einer Gruppe Richtung Afghanistan aufgebrochen und habe schon bald wieder kehrt gemacht. Von einem führenden Al-Kaida-Mitglied holte er sich die Erlaubnis für die Rückreise. "Ich habe ihm geschrieben, dass ich unfähig bin für den bewaffneten Dschihad", berichtet Rami M. Er habe angeboten, stattdessen von Deutschland aus Geld für das Terrornetzwerk zu sammeln. Da er fürchtete, dass seine Rückkehr mit Problemen verbunden sein könnte, habe er Kontakt mit der Deutschen Botschaft aufgenommen und ein Treffen in Islamabad verabredet.
Doch auf der Fahrt dorthin wurde er von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen und später nach Deutschland überstellt. Die Details sollen am Freitag näher erörtert werden.
dapd
