Deutschlands kleinstes Forschungsschiff, der Kutter "Clupea" (Hering), befindet sich auf Heringsmission im Greifswalder Bodden. Etwa eine Seemeile südöstlich der Insel Vilm nimmt Kapitän Thorsten Köhn Fahrt aus der Maschine. An Bord lässt seine Crew ein Spezialnetz zu Wasser.
Expedition in die Kinderstube des Herings
Lauterbach (dapd-lmv). Deutschlands kleinstes Forschungsschiff, der Kutter "Clupea" (Hering), befindet sich auf Heringsmission im Greifswalder Bodden. Etwa eine Seemeile südöstlich der Insel Vilm nimmt Kapitän Thorsten Köhn Fahrt aus der Maschine. An Bord lässt seine Crew ein Spezialnetz zu Wasser. Dann gleitet das sogenannte Bongo-Netz, zwei etwa drei Meter lange Trichtertüten aus feinster Netzgaze, durch den Bodden, während der 62 Jahre alte Kutter mit zwei Knoten über der acht Meter tiefen Stelle kreist.
Zum Fang werden nicht verkaufsfähige Heringe gehören, sondern ihre winzig kleinen, erst vor wenigen Tagen geschlüpften Larven. Aus deren Zahl und Zustand wollen die Wissenschaftler Rückschlüsse auf den diesjährigen Nachwuchsbestand ziehen, um Empfehlungen für künftige Fangquoten zu geben.
Projektleiter Patrick Polte lässt das Doppelnetz alle 30 Sekunden durch unterschiedliche Wassertiefen ziehen. Wenige Minuten später wird die Ausbeute, die sich am Netzende in zwei Planktonbechern gesammelt hat, an Bord gehievt und in flache Schalen geschüttet. Was für Laien aussieht wie trübe Brühe, ist für die Forscher ein quicklebendiges Sammelsurium aus der Kinderstube des Ostseeherings.
Mit Kennerblick identifiziert Fischereibiologe Daniel Oesterwind sechs durchsichtige, nur einen Zentimeter kleine Heringslarven. Auch ein räuberischer Stichling, kleine Sandaale, Heringslaich, zwei Meerasseln und mikroskopisch kleines Zooplankton schwimmen in der Schale. Von März bis Juli ziehen die Experten auf diese Weise pro Woche an 36 Stellen im Greifswalder Bodden und im Strelasund ihre Proben. Konserviert in Formalin wird die Ausbeute in Messbecher abgefüllt, deren Inhalt später in wochenlanger Kleinarbeit im Labor genauer untersucht wird.
Seit 1977 erheben die Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Ostseefischerei im größten Laichgebiet des Ostseeherings auf diese Weise Daten über die Bestände des sogenannten Brotfischs der ostdeutschen Küstenfischer. Eine Grafik in Poltes Laptop zeigt die enormen Schwankungen, deren Ursache bislang weitgehend unbekannt blieben: Noch vor 15 Jahren schätzten die Forscher den Bestand auf bis zu 22 Milliarden Larven. Seit 2005 schwankt die jährliche Nachwuchsproduktion um 20 bis 30 Prozent. Vor drei Jahren wurden nur noch etwa zwei Milliarden Heringswinzlinge registriert. Seitdem gebe es einen leichten Trend der Erholung, sagt Polte, der den Nachwuchs 2010 auf etwa sechs Milliarden Tiere schätzt.
Aus den Daten wird später nach wissenschaftlichen Kriterien der sogenannte Rekrutierungs-Index errechnet, der wiederum Grundlage für die zum Jahresende von der EU-Fischereikommission getroffenen fischereiwirtschaftlichen Entscheidungen wird. "Im krautigen Bodden schlüpfen im Frühjahr viele Milliarden Heringslarven", sagt Polte. Doch nur ein Bruchteil davon erreiche nach einigen Wochen eine Größe von zwei Zentimetern und sei damit aus dem gröbsten heraus.
Mit dem langjährigen, von der EU finanzierten Monitoring wollen die Forscher auch die für den Nachwuchs ausschlaggebenden Faktoren unter die Lupe nehmen. Daher werden bei jeder Probenentnahme gleichzeitig Temperatur, Salz- und Sauerstoffgehalt, aber auch das potenzielle Nahrungsangebot der Winzlinge bestimmt. Zusätzlich werden im Herbst in der Ostsee hydroakustische Messungen vorgenommen, um auch den ein- bis zweijährigen Jungheringsbestand zu ermitteln.
dapd
