Die öffentlich zur Schau gestellte Freude über den Tod Osama bin Ladens stößt bei Theologen und Ethikern auf Kritik. Auch der Vatikan mahnt zur Zurückhaltung. Papst-Sprecher Federico Lombardi sagte am Montag in Rom: "Der Tod eines Menschen ist für einen Christen niemals Grund zur Freude." Das gelte auch für bin Laden.
Theologen kritisieren Jubel über Tod bin Ladens
Rom/Berlin (dapd). Die öffentlich zur Schau gestellte Freude über den Tod Osama bin Ladens stößt bei Theologen und Ethikern auf Kritik. Auch der Vatikan mahnt zur Zurückhaltung. Papst-Sprecher Federico Lombardi sagte am Montag in Rom: "Der Tod eines Menschen ist für einen Christen niemals Grund zur Freude." Das gelte auch für bin Laden.
Auch Michael Bongardt von der Freien Universität Berlin hält die offene Freude über Osamas Tod für problematisch. "Natürlich ist es verständlich, wenn man spontan ein Gefühl der Erleichterung und der Befreiung empfindet. Aber dann sollte man sich fragen, ob dieses Gefühl angemessen ist", sagte der Ethikprofessor am Montag im dapd-Interview.
Bin Laden sei offenbar durch ein gezieltes Kommando zu Tode gekommen. "Es ist fraglich, ob das für einen Rechtsstaat eine angemessene Form ist. In der Demokratie gibt es sehr genaue Regeln, wie man mit Verbrechern umgehen muss. Dazu gehört die Verurteilung vor einem Gericht. Deshalb ist die Art seines Todes noch ein Grund weniger, sich zu freuen."
Ähnlich kritisch äußerte sich Hubertus Lutterbach von der Universität Duisburg-Essen über die offene Freude: "Ich finde es sehr befremdlich, dass eine stark christlich geprägte Kultur sich so etwas zu eigen macht", sagte er am Montag im dapd-Interview. "Ich halte das einer aufgeklärten Gesellschaft für unwürdig."
Das Neue Testament fordere ohne Einschränkungen die Nächstenliebe. "Damit ist Schadenfreude über den Tod eines Menschen nicht vereinbar", sagte der Theologieprofessor.
Rache neige kulturgeschichtlich immer zur Gegenrache und zur Maßlosigkeit. "Wenn sich Menschen in den USA gerade über den Blutstod, gewissermaßen das Blutopfer von bin Laden freuen, dann freuen sie sich über eine geglückte Rache an einem Mann, auf den sie ein zentrales nationales Trauma zurückführen", sagte er.
"Wahrscheinlich bedenken sie dabei nicht, dass zur Stunde diese Freudentänze bereits im arabischen Fernsehen übertragen werden und in der muslimischen Welt für eine neue Drehung an der Spirale des Hasses sorgen."
Auch der Vatikan hofft, dass der Tod des Al-Kaida-Chefs "keine weiteren Hassausbrüche auslöst". Bin Laden sei verantwortlich gewesen "für Spaltungen und Hass zwischen den Völkern", sagte Lombardi. Dies habe den Tod zahlloser Menschen verursacht. Bin Laden habe die Religion für seine Zwecke instrumentalisiert.
dapd
