Besas Hauptaufgabe ist das Warten. Seit einem Monat lebt die 25-Jährige in einem Flüchtlingscamp in Tunesien, zehn Kilometer von der libyschen Grenze entfernt. Besa floh mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann aus der libyschen Hauptstadt Tripolis. Nun wartet sie in einem stickigen Zelt auf Papiere und ihr Ticket in ein besseres Leben - wie schon Zehntausende vor ihr.
Gestrandet im Flüchtlingscamp
Ras Ajdir/Tunesien (dapd). Besas Hauptaufgabe ist das Warten. Seit einem Monat lebt die 25-Jährige in einem Flüchtlingscamp in Tunesien, zehn Kilometer von der libyschen Grenze entfernt. Besa floh mit ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann aus der libyschen Hauptstadt Tripolis. Nun wartet sie in einem stickigen Zelt auf Papiere und ihr Ticket in ein besseres Leben - wie schon Zehntausende vor ihr. Die Menschen laufen massenhaft vor den Kämpfen in Libyen davon. Und ein Ende ist nicht in Sicht.
Besa stammt aus Äthiopien. Vor drei Jahren ging sie nach Tripolis, arbeitete dort als Friseurin. Dann kam der Krieg. Vor vier Wochen packte sie zusammen, was sie tragen konnte und brach mit der Familie auf Richtung Tunesien. Dort sitzt sie nun fest, im Shousha-Camp kurz hinter der Grenze - in einem Acht-Mann-Zelt mit einer weiteren Familie. Sie schlafen auf einfachen Matratzen auf dem Zeltboden. In der Mitte des Zelts hängt eine Wäscheleine. Darunter spielt Besas einjähriger Sohn Didia.
Frauen haben Angst
Mit dem Kind im Camp sei es nicht leicht, erzählt Besa. Und als Frau sowieso nicht. "Abends gehe ich nie allein aus dem Zelt." Zu gefährlich. Zwei 15-jährige Mädchen, die ohne Eltern nach Tunesien kamen, entgingen in dem Lager nur knapp einer Vergewaltigung. Frauen, die alleine auf der Flucht sind, haben es besonders schwer. Auch die medizinische Versorgung ist schwierig. In einem der Zelte liegt eine Frau aus Eritrea mit Nierenschaden und Tuberkulose, die nur notdürftig behandelt werden kann.
Etwa 3.500 Menschen sind im Moment im Camp. Sie schlurfen über den staubigen Sandboden, warten, wissen nicht, was die Zukunft bringt. Einige hängen sich mit ihren Handys an die wenigen Steckdosen und hören Musik. Andere waschen sich an Wasserstellen die Füße fürs Gebet. In einem Zelt flimmert ein Kung-Fu-Film über einen kleinen Fernsehbildschirm.
Die Sonne brennt über der Zeltstadt. Das Camp liegt in der Wüste. Es gibt kaum Schatten. Die meisten Gestrandeten hier sind junge Männer - aus Ägypten, dem Niger, dem Sudan, von überall her. Viele gingen zum Arbeiten nach Libyen und wurden dort vom Krieg überrascht.
Nach dem Ausbruch der Kämpfe war der Ansturm auf die tunesischen Grenzübergänge übermächtig. Allein hier, am Grenzposten Ras Ajdir, kamen anfangs mehr als 6.000 Menschen pro Tag an. Zwei weitere Übergänge zu Libyen liegen weiter im Süden.
Die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen errichtete wegen der Massen an den Grenzen eilig das Shousha-Camp nahe Ras Ajdir. Kurz darauf folgte ein Lager des Roten Kreuzes und eines der Vereinigten Arabischen Emiraten. Alle liegen nah beieinander.
Moschee und Schule im "Luxus"-Camp
Shousha gilt hier als "Notfall-Camp", das arabische Lager als die "Luxus-Variante". Dort werden die Sandwege mit Wasser besprenkelt, damit es weniger staubt. Nirgends ist Müll zu sehen. In den meisten Zelten liegen Teppiche. In einem ist eine große Medizinstation mit Regalen voller Medikamente, in einem anderen die Windel- und Milchausgabe für Mütter mit kleinen Babys. Ein eigenes Moschee-Zelt gibt es und sogar ein Zelt mit einer kleinen Schule. Selam und vier andere Mädchen lernen dort gerade Französisch.
Ein paar Zelte weiter packen Anwer und seine Familie ihr Hab und Gut aus. Die fünf sind erst vor drei Stunden angekommen. Ursprünglich stammen sie aus dem Irak, die vergangenen 13 Jahre lebten die Eltern mit ihren drei Kindern in Tripolis. Für sie ist es der zweite Krieg, vor dem sie fliehen. Eine der Töchter ist schwer behindert. Einen Rollstuhl hat die Familie nicht. Deshalb mussten sie die 14-Jährige hierher tragen.
Seit Februar flohen mehr als 600.000 Menschen aus Libyen, rund 285.000 davon gingen nach Tunesien. In Ras Ajdir kommen inzwischen nicht mehr Tausende Flüchtlinge, sondern nur noch 300 bis 400 pro Tag über die Grenze und suchen Schutz in den Camps. Doch niemand weiß, wie sich die Lage in Libyen weiter entwickelt.
Zuflucht bei tunesischen Familien
Viele Flüchtlinge kommen auch bei tunesischen Familien unter. Schätzungen zufolge haben 25.000 Familien aus Libyen Zuflucht bei Privatleuten gefunden. Die Solidarität der Tunesier sei beispiellos, sagt Ayman Gharaibeh, der das Team der UN-Helfer im Shousha-Camp leitet.
Direkt an der Grenze ist es an diesem Tag einigermaßen ruhig. Die Autos stehen zwar Schlange, aber es sind viel weniger als vor zwei Monaten. Ein paar Bullis rollen mit Dachgepäckträgern voller Koffer und Taschen an. Ein alter Bus mit Ägyptern quält sich langsam vorwärts. Einige Menschen laufen zu Fußüber die Grenze, mit Rollkoffern, Reisetaschen oder großen Paketen auf dem Rücken.
Zwei Dutzend junge Männer aus Guinea-Bissau sind gerade angekommen. Sie haben es mit dem Bus von Tripolis hierher geschafft. Für 110 Dinar pro Kopf, etwa 55 Euro - viel Geld für einen Arbeitslosen. Die jungen Leute waren zur Arbeitssuche in die libysche Hauptstadt gegangen. Glück hatten sie nicht. Der Krieg machte es noch schlimmer. Einer von ihnen, Kémo, erzählt, viele seiner Freunde steckten noch in Tripolis fest. Das Geld für die Fahrt hätten sie einfach nicht.
Kleiner Grenzverkehr im Krisengebiet
Einige in Ras Ajdir sind ganz ohne Gepäck unterwegs. Es kommen jeden Tag viele Libyer mit ihren Autos über die Grenze, um Benzin und Essen zu besorgen und zur Bank zu gehen. All das, was ihnen im Krisengebiet fehlt. Die meisten von ihnen fahren anschließend direkt wieder zurück.
Hier im Norden Tunesiens sind die Kämpfe auf der anderen Seite der Grenze nicht ganz so nah. Weiter südlich schon. Mehrfach schlugen Geschosse aus Libyen auf tunesischem Boden ein. Zuletzt verfolgten Soldaten des libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi Kämpfer der Aufständischen bis über die Grenze nach Tunesien und lieferten sich dort Gefechte mit den Rebellen. Die tunesische Regierung ist besorgt. Der Krieg in der Nachbarschaft wird immer bedrohlicher.
Die Tunesier haben ohnehin genügend eigene Probleme: Sie haben gerade eine Revolution im eigenen Land hinter sich. Sie haben ihren Machthaber Zine El Abidine Ben Ali gestürzt, sich Freiheit erkämpft und arbeiten daran, Tunesien von Grund auf zu erneuern. Der Übergangsprozess ist noch verletzlich.
Roth sorgt sich um Tunesien
Claudia Roth sieht die zusätzliche Belastung Tunesiens durch das Flüchtlingsproblem mit Sorge. Die Grünen-Chefin ist in den Camps an der Grenze zu Libyen unterwegs, um sich ein Bild von der Flüchtlingssituation zu machen. Ein Land wie Tunesien, das so radikal im Umbruch sei, brauche Unterstützung, sagt sie. "Sonst wird die humanitäre Krise zu einer politischen Krise."
Sie verlangt mehr Hilfe der deutschen Regierung für das Land. Dazu gehöre auch, Menschen aufzunehmen, die nach Tunesien geflüchtet seien und nicht in ihre Heimat zurückkönnten. Wenn sie die Solidarität der Tunesier mit den Flüchtlingen aus Libyen sehe, dann schäme sie sich für die Debatte, die es in Deutschland zu dem Thema gebe, sagt Roth. Die europäischen Länder lieferten sich in der Frage einen "Wettlauf der Schäbigkeit".
dapd
