Tunesien bemüht sich um eine Rundumerneuerung und kämpft gegen Altlasten des Ben-Ali-Regimes Neuanfang mit Hindernissen

Es sieht nach Alltag aus auf den Straßen von Tunis. Wo vor ein paar Monaten noch Tausende demonstrierten, gegen ihr Regime aufbegehrten und für die Freiheit kämpften, herrscht wieder gewöhnliches Verkehrschaos. Autos hupen und quälen sich durch dichten Mittagsverkehr, die Geschäfte sind geöffnet, junge Leute sitzen in Cafés und plaudern. Es ist friedlich, die Menschen sind in Aufbruchstimmung.

Foto: dapd

Neuanfang mit Hindernissen

Tunis (dapd). Es sieht nach Alltag aus auf den Straßen von Tunis. Wo vor ein paar Monaten noch Tausende demonstrierten, gegen ihr Regime aufbegehrten und für die Freiheit kämpften, herrscht wieder gewöhnliches Verkehrschaos. Autos hupen und quälen sich durch dichten Mittagsverkehr, die Geschäfte sind geöffnet, junge Leute sitzen in Cafés und plaudern. Es ist friedlich, die Menschen sind in Aufbruchstimmung. Doch der Weg zu einem besseren Leben ist lang.

Gerade einmal dreieinhalb Monate ist es her, dass die Tunesier ihren Staatschef Zine Abidine Ben Ali stürzten - und mit ihm sein autoritäres Regime. Das Land müht sich nun um eine Rundumerneuerung. Neue Verfassung, neue Parteien, neue Strukturen, der Übergang zur Demokratie. Ende Juli wird eine verfassungsgebende Versammlung gewählt.

"Der Weg ist sehr lang und er birgt viele Gefahren", sagt Chamari Taoufik. Die islamistischen Parteien hätten viel Geld, um den Wahlkampf zu bestreiten. Andere Parteien müssten dagegen mit nichts antreten. Taoufik ist Präsident des nationalen Netzwerks Anti-Korruption. Er versucht mit seiner Organisation, die düsteren Machenschaften der vergangenen Jahrzehnte aufzuarbeiten.

Seit den 80ern sei die Korruption in Tunesien zu einem richtigen System ausgebaut worden, erzählt Taoufik. Ben Alis Familie habe die eigenen Getreuen in Schlüsselpositionen installiert, sich gnadenlos bereichert und das Land ausgeplündert. Und viele von ihnen seien noch da. "Es ist unmöglich, Korruption ganz auszuschalten", sagt Taoufik. Die Korruption sei ein intelligentes System, das sich immer weiter entwickele.

Auch andere dunkle Seiten der tunesischen Geschichte belasten das Land. "Wir haben zehntausende Folteropfer", sagt Radhia Nasraoui. "Folter war eine systematische Praxis." Nasraoui arbeitet für die Organisation gegen Folter in Tunesien und hat schon viele Misshandelte zu Gesicht bekommen - mit Narben, ausgeschlagenen Zähnen, gebrochenen Armen und geschundenen Seelen.

"Keiner der Folterknechte wurde bis jetzt verhaftet. Dabei sind sie bekannt", beklagt sie. "Und was uns beunruhigt, ist, dass diese Praxis weitergeht." In den vergangenen Wochen hätten sich viele neue Opfer von Gewalt in Polizeidienststellen und Gefängnissen bei ihr gemeldet. Oft seien es junge Leute, die gegen Ben Ali auf die Straße gegangen waren. Offenbar wollten sich einige Polizisten rächen, mutmaßt sie. "Das habt ihr nun von eurer Revolution" - diesen Satz hätten einige Opfer zu hören bekommen.

Bei anderen überwiegt die Erleichterung, dass die totale Kontrolle ein Ende hat. "Wir können jetzt frei reden", sagt ein Mann auf der Straße. "Es stehen nicht mehr Polizisten neben einem, die aufpassen, was man sagt." Doch der Übergang von einem Polizeistaat und einem autoritären Regime zu Freiheit und Demokratie sei nicht einfach. "Wir lernen", sagt er.

Derzeit ist eine Übergangsregierung im Amt. In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Demonstrationen gegen die Regierung. Einigen in der Bevölkerung sitzen noch zu viele aus der alten Garde in den Ministerien. Auch an diesem Tag haben sich wieder ein paar Dutzend Menschen vor dem Amtssitz des Premierministers versammelt, um auf Transparenten einen Wechsel im Agrarressort zu fordern. An den übrigen Ministerien gibt es auch immer mal wieder Proteste. Dort stehen noch Panzer. Anderswo in der Stadt sind die Militärfahrzeuge vor ein paar Tagen abgerückt.

Auch vor Betrieben gibt es immer wieder Proteste. Die Menschen fordern Gehaltserhöhungen und neue Arbeitsplätze. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein großes Problem im Land. Die wirtschaftliche Lage des Landes ist besorgniserregend. Zu allem Übel ist der Tourismus wegen der Unruhen eingebrochen. Und im Nachbarland Libyen tobt ein Bürgerkrieg, der massenhaft Flüchtlinge nach Tunesien treibt. Die Liste der Probleme ist lang.

Grünen-Chefin Claudia Roth ist zu Besuch in Tunesien, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Sie trifft sich mit Organisationen wie denen von Taoufik und Nasraoui, spricht mit Ministern und streift durch die Altstadt von Tunis. Spannend sei der Aufbruch im Land, sagt sie, aber die Rahmenbedingungen seien unglaublich schwer. Eine Diktatur, ein derart korruptes Regime abzulösen, sei nicht einfach. "Es dauert eine Weile, bis die Wunden heilen." Und der Aufbau eines völlig neues Staates sei ohnehin schwierig. "Da entsteht eine Gesellschaft komplett neu", sagt Roth, "das muss man sich mal vorstellen."

Taoufik ist trotz der Probleme zuversichtlich. Das Land sei jung und modern. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist unter 30. Die Jungen waren es, die die Revolution anzettelten. "Tunesien hat alles, was für die Erneuerung nötig ist", sagt er, "aber es gibt einfach noch enorm viel zu tun."

dapd