Berlins mutmaßlich ältester Trabbi-Lenkerin droht das Fahrverbot Die Berlinerin Irene Fernau steuert noch mit fast 85 Jahren einen Trabant

Fast 50 Jahre lang ist alles gut gegangen: Seit sie im November 1961 ihre Fahrerlaubnis erhielt, hat Irene Fernau keinen einzigen Unfall gebaut. Und nun, in ihrem 85. Lebensjahr, soll sie sich für einen Crash verantworten, der ihr und ihrem geliebten Trabant passiert sein soll. Mit Folgen: Berlins mutmaßlich ältester Trabbi-Lenkerin droht das Fahrverbot.

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Die Berlinerin Irene Fernau steuert noch mit fast 85 Jahren einen Trabant

Berlin (dapd). Fast 50 Jahre lang ist alles gut gegangen: Seit sie im November 1961 ihre Fahrerlaubnis erhielt, hat Irene Fernau keinen einzigen Unfall gebaut. Und nun, in ihrem 85. Lebensjahr, soll sie sich für einen Crash verantworten, der ihr und ihrem geliebten Trabant passiert sein soll. Mit Folgen: Berlins mutmaßlich ältester Trabbi-Lenkerin droht das Fahrverbot.

Fernau wirkt wie der Prototyp einer herzensguten Großmutter. Die hellwache alte Dame geht mit strahlenden Augen durchs Leben, die Optimismus und Elan versprühen. Dann und wann setzt sie sich hinter das große Kunststoff-Lenkrad des Kleinwagens und steuert von ihrer Mietwohnung in Berlin-Baumschulenweg (Bezirk Treptow-Köpenick) zum Einkaufen. Oder raus ins Grüne, in ihren Schrebergarten.

Seit Februar 1989 gehört der Wagen ihr. Die Hycomat genannte Halbautomatik schont das linke Bein und verrichtet bis heute zuverlässig seinen Dienst. 14.000 DDR-Mark hat das Auto gekostet. Als die ostdeutschen Landsleute der früheren Lehrerin nach und nach auf eine Westmarke umstiegen, blieb Irene Fernau ihrem elfenbeinfarbenen Begleiter treu - auch, weil sie mit einem wirklich modernen Auto gar nicht zurechtgekommen wäre, wie sie einräumt.

Trotzdem machte es die neue Zeit der Rentnerin nicht immer einfach. Manchmal in den vergangenen Jahren steckte eine Kartoffel im Auspuff - das Werk übereifriger Umweltschützer, mutmaßt sie. Auch das Benzin-Gemisch für Zweitakter ist an immer weniger Tankstellen erhältlich.

Seit Januar 2008 verhindert die Berliner Umweltzone Fahrten innerhalb des 88 Quadratkilometer großen S-Bahn-Rings. Der ansonsten sparsame Trabant und seine nur privat fahrende Halterin würden nie eine Ausnahmegenehmigung erhalten, die Umrüstung mit einem ungeregelten, ja ungenügenden Katalysator, wie es zum Beispiel das Stadtrundfahrtunternehmen "Trabi-Safari" eigenen Angaben zufolge in Berlin vornehmen ließ, würde für Fernau aus Kostengründen keinen Sinn ergeben.

"Ich muss auch nicht in den Innenstadtbereich", tröstet sich Fernau. "Meine Fahrten erfolgen auf festen Routen außerhalb." Berlin sei schließlich groß genug. Allein auf die Tour zum nur wenige Kilometer entfernt gelegenen Garten wolle sie nicht verzichten. Auch dieses kleine Refugium liegt außerhalb der sogenannten Umweltzone.

Wäre da nicht diese Sache mit dem vermeintlichen Zusammenstoß. Weil der Fall juristisch noch nicht abgeschlossen ist, darf nur begrenzt darüber berichtet werden. So viel will Fernau allerdings los werden: "Man hat mich reingelegt. Das war ein provozierter Unfall." Eine junge Mopedfahrerin spielt eine Rolle. Eine mysteriöse Zeugin. Ein Detektiv, Versicherungen und Rechtsanwälte. Möglicherweise auch Gartennachbarn, die sich den Frieden untereinander nicht gönnen.

Die Sache macht Irene Fernau doppelt zu schaffen: Sie schläft schlecht, zermartert sich das Gehirn, weil es - wie sie sagt - gar keinen Unfall mit ihrem Trabant gegeben hätte. Noch nie. Ihre Augen haben einen traurigen Ausdruck angenommen. Kurz vor Beginn der Gartensaison begann auch noch die Zündung des Wagens zu streiken.

Das technische Problem ist inzwischen behoben. Fernau hat ihre Werkstatt, die das Auto gut kennt. Die ersten Gartentouren sind auch bereits absolviert. Geblieben ist Unsicherheit, wie das Gericht die Fahrtüchtigkeit der "Trabbi-Omi" beurteilt. Verliert sie, droht dem Wagen die Stilllegung. Dann würde es nur noch 458 zugelassene PKW der Marke Trabant in Berlin geben.

dapd