Interview mit Daimler-Chef Zetsche "Nur ein Antrieb wäre unwahrscheinlich"

Im DHZ-Interview spricht Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche über Alternativen zum Verbrennungsmotor und die künftige Rolle der Bundesregierung.

Burkhard Riering

Dieter Zetsche ist Vorstandschef der Daimler AG und einer der weltweit bekanntesten Automanager. Foto: dapd

"Nur ein Antrieb wäre unwahrscheinlich"

DHZ: Herr Zetsche, vor wenigen Jahren noch hieß es, die deutschen Hersteller hätten die neue Generation der umweltbewussten Antriebstechnologien verschlafen. Haben die Deutschen mittlerweile aufgeholt?

Dieter Zetsche: Der Vorwurf, wir hätten umweltfreundliche Antriebe verschlafen, war immer falsch. Rückblickend waren wir mit manchen Innovationen wahrscheinlich sogar zu früh am Markt. Aber heute zahlt sich aus, dass gerade Daimler die Entwicklung von Elektrofahrzeugen beispielsweise mit Brennstoffzelle seit fast zwei Jahrzehnten vorantreibt. Mittlerweile produzieren wir bereits vier vollelektrische Modelle unter Serienbedingungen – mehr als jeder andere Hersteller weltweit.

DHZ: Daimler mischt zurzeit überall mit: beim Elektroauto, beim Hybridantrieb, bei der Brennstoffzelle. Welcher Antrieb wird am Ende übrig bleiben?

Zetsche: Es geht nicht darum, "überall mitzumischen". Es geht darum, unterschiedlichen Anforderungen gerecht zu werden. Im reinen Stadtverkehr, wo es auf die Reichweite nicht so ankommt, hat der batterieelektrische Antrieb gute Chancen. Auf längeren Strecken wird man Elektroautos mit Brennstoffzelle brauchen. Auch saubere Hightech-Verbrennungsmotoren sollte man nicht zu früh abschreiben. Dass am Ende nur ein Antrieb übrig bleibt, ist zurzeit eher unwahrscheinlich – und entsprechend stellen wir uns bei Daimler auf.

DHZ: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima stellt sich für die Deutschen die Frage, auf welche Weise sie künftig ihren Strom produzieren wollen. Gleichzeitig spricht alles vom Wert des Energiesparens. Läuft das nicht den Anstrengungen der E-Mobilität zuwider, weil wir Strom sparen müssen?

Zetsche: Aus meiner Sicht nicht. Natürlich tragen Elektrofahrzeuge umso mehr zur CO2-Reduzierung bei, je weniger Kohlendioxid auch bei der Stromerzeugung anfällt. Das bedeutet aber „nur“, dass wir noch schneller zu regenerativen Formen der Energieerzeugung finden müssen. Eine Million Elektrofahrzeuge würden bei heutiger Planung nur zwei Prozent des regenerativ erzeugten Stroms verbrauchen.

DHZ: Was kann der Staat dafür tun, um das Elektrofahrzeug zu fördern?

Zetsche: Der Staat ist vor allem bei der Infrastruktur gefragt – also beim Aufbau eines flächendeckenden Netzes von Wasserstofftankstellen und Batterieladestationen. Ein zweites Handlungsfeld sind Kaufanreize. In Frankreich beispielsweise gibt der Staat beim Kauf eines Elektroautos 5.000 Euro dazu. Nicht zuletzt brauchen wir international einheitliche Standards: Ähnlich wie die klassische Zapfpistole sollten auch der Stecker und die Steckdose für Stromladestationen weltweit normiert werden.

DHZ: Kann Deutschland bei der Einführung des Elektroantriebs eine ähnlich führende Rolle spielen wie vor 125 Jahren bei der Einführung des Verbrennungsmotors?

Zetsche: Die Voraussetzungen dafür haben wir. Wir sind bei den Patentanmeldungen spitze und wir verfügen über einen in dieser Form einzigartigen Verbund aus globalen Konzernen, hochinnovativen Mittelständlern und praxisnahen Forschungseinrichtungen. Fakt ist aber auch, dass andere Länder die Aufholjagd eröffnet haben und die Markteinführung des Elektroautos politisch forcieren. Umso mehr brauchen wir auch in Deutschland einen engen Schulterschluss von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.