Sachsen-Anhalts Ex-Ministerpräsident will jetzt zu Hause aufräumen und Bücher lesen Der "knorrige" Böhmer geht ohne Wehmut

Noch einmal nahm Wolfgang Böhmer im Landtag von Sachsen-Anhalt Platz, allerdings an ganz ungewohnter Stelle. Von der Besuchertribüne aus verfolgte der aus dem Amt geschiedene Ministerpräsident mit seiner Frau die konstituierende Sitzung des neuen Landesparlaments. Der 75-Jährige nahm das Baby des neuen Landtagspräsidenten Detlef Gürth in den Arm und wirkte entspannt.

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Der "knorrige" Böhmer geht ohne Wehmut

Magdeburg (dapd-lsa). Noch einmal nahm Wolfgang Böhmer im Landtag von Sachsen-Anhalt Platz, allerdings an ganz ungewohnter Stelle. Von der Besuchertribüne aus verfolgte der aus dem Amt geschiedene Ministerpräsident mit seiner Frau die konstituierende Sitzung des neuen Landesparlaments. Der 75-Jährige nahm das Baby des neuen Landtagspräsidenten Detlef Gürth in den Arm und wirkte entspannt.

Rund neun Jahre hat Böhmer Sachsen-Anhalt regiert. Nur Kurt Beck in Rheinland-Pfalz, Peter Müller im Saarland und Klaus Wowereit in Berlin bringen es auf längere Amtszeiten unter den aktiven Länder-Regierungschefs. Müller und Peter Harry Carstensen in Schleswig-Holstein haben ihren Abschied von ihren Ämtern ebenfalls schon angekündigt. Von der alten Ministerpräsidentenriege der Union ist dann niemand mehr da. Bayerns Regent Horst Seehofer ist zwar ein alter Hase im Politikgeschäft, als Ministerpräsident hat er aber gerade zweieinhalb Jahre auf dem Buckel.

Im Landtag hörte Böhmer am Dienstag viel Wohlwollendes über sich. Böhmer gehöre zu den "herausragenden Persönlichkeiten des Landes Sachsen-Anhalt", lobte Landtagspräsident Gürth. Auch Alterspräsident Dieter Steinecke (CDU), der die erste Sitzung des Landtages der 6. Wahlperiode eröffnete, würdigte die politische Lebensleistung Böhmers: "Ob in parlamentarischen Ämtern oder exekutiven Ämtern, Sie haben dieses Haus auf ganz unverwechselbare Weise geprägt."

Die Bundes-CDU stimmte in die Elogen auf Böhmer ein. Er sei "im besten Sinne des Wortes Landesvater" gewesen, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Böhmer habe Sachsen-Anhalt zu einem Bundesland gemacht, auf das die Bürger stolz sein könnten.

Als standhaft und eigenwillig wurde Böhmer oft beschrieben. Mit der Beschreibung "knorrig" hat der 75-Jährige keine Probleme mehr, wie er am Morgen im Deutschlandfunk sagte. "Ich weiß nicht, wie es ursprünglich mal gemeint war, aber ich habe mich daran gewöhnt und ich werte es lieber nicht." Er habe es stets als "besonderen Luxus" betrachtet, eine eigene Meinung zu haben. Auch Parteichefin Angela Merkel hat dies immer wieder zu spüren bekommen. Von den aktiven Politikern forderte er mehr innere Unabhängigkeit und am besten einen ordentlichen Beruf nebenbei. "Wenn man direkt existenziell abhängig ist, dann es mit der Unabhängigkeit meistens nicht weit her", sagte der frühere Chefarzt, der nach der Wende in die Politik ging.

Den aktiven Politikern schrieb Böhmer zudem ins Stammbuch, mehr Vertraulichkeit zu wahren. Gremiensitzungen seien zumeist halb öffentlich, Vertraulichkeit funktioniere nur selten. Selbst bei der Dreier-Sondierungsrunde mit Seehofer und Beck über die Hartz-IV-Reform habe diese nicht gehalten. Auch sympathisch sollten Politiker rüberkommen, fügte Böhmer im MDR hinzu: "Die Bevölkerung will keine Muffel."

Öffentliche Kommentare zur Politik will Böhmer nicht mehr abgeben. Dass er sich um seinen Garten und seine Briefmarkensammlung kümmern will, hat Böhmer schon häufiger erwähnt. Auch Bücher will er lesen, die er in den letzten 20 Jahren gekauft habe, sagte Böhmer am Dienstag im Deutschlandfunk und betonte. "Ich werde mich schon beschäftigen."

dapd