Lange Zeit galt Pirna-Sonnenstein als Vorzeige-Heilanstalt Tausendfacher Mord in idyllischer Lage

Peter Jenewein hatte keine Chance. Zwei Wochen nach seinem neunten Geburtstag kamen Männer in weißen Kitteln. Sie brachten ihn an den Stadtrand von Pirna, in einen dunklen Keller. Das war am 29. November 1940. Dort wurde der kleine Junge vergast und anschließend in einem der beiden Öfen verbrannt. Die, die ihn kannten, beschrieben ihn als "liebes und fröhliches Kind".

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Tausendfacher Mord in idyllischer Lage

Pirna (dapd-lsc). Peter Jenewein hatte keine Chance. Zwei Wochen nach seinem neunten Geburtstag kamen Männer in weißen Kitteln. Sie brachten ihn an den Stadtrand von Pirna, in einen dunklen Keller. Das war am 29. November 1940. Dort wurde der kleine Junge vergast und anschließend in einem der beiden Öfen verbrannt. Die, die ihn kannten, beschrieben ihn als "liebes und fröhliches Kind". Für seine Mörder war er wegen seiner geistigen Behinderung bloß "unwertes Leben".

In den Jahren 1940 und 1941 sind in der "Euthanasie"-Anstalt in Pirna-Sonnenstein in Sachsen insgesamt rund 15.000 Menschen systematisch ermordet worden. Psychisch Kranke, geistig Behinderte, zuletzt auch Häftlinge aus Konzentrationslagern, darunter zahlreiche Juden. Adolf Hitler hatte die Pläne für den als "sanften Tod" verbrämten Massenmord Ende 1939 gebilligt - unter den Nazis wurde die renommierte Heil-Anstalt in einem weitläufigen Parkareal in kurzer Zeit zu einer Tötungsfabrik. Eine Gedenkstätte auf dem Hügel oberhalb von Pirna erinnert seit ein paar Jahren an die Verbrechen.

Es gibt auch eine andere, eine humanistische Seite. Tatsächlich war die Einrichtung in idyllischer Lage auf einer Anhöhe lange Zeit eine Vorzeigeanstalt von internationalem Ruf. "Pirna-Sonnenstein ist ein widersprüchlicher Ort, ein Ort voller Gegensätze", sagt Gedenkstättenleiter Boris Böhm. Hier sei geheilt und später dann in unvorstellbarer Weise gemordet worden.

Die "Königlich Sächsische Heil- und Verpflegungsanstalt Sonnenstein" wurde 1811 eröffnet und gilt als erste dauerhaft existierende staatliche Betreuungseinrichtung für psychisch Kranke in Deutschland. Die Anstalt setzte statt auf Ketten und Verwahrung auf Nächstenliebe, Menschenwürde und auf aktive Beschäftigungs- und Musiktherapie.

Wegen beachtlicher Heilungserfolge erwarb sie sich schnell über Deutschland hinaus Ansehen: Bis zu 40 Prozent der Patienten wurden als geheilt entlassen. Selbst in Russland und Norwegen interessierte man sich für das Konzept von Gründungsdirektor Ernst Pienitz, der zu den bedeutendsten Pionieren der deutschen Anstaltspsychiatrie zählt.

Eine Sonderausstellung im Pirnaer Stadtmuseum widmet sich von diesem Donnerstag an, 200 Jahre nach der Gründung, diesem bislang noch wenig bekannten Kapitel der Anstaltsgeschichte. Die Schau, die unter anderem alte Krankenakten, Küchenutensilien und Teile der damaligen Schwesterntracht zeigt, soll die Dauerausstellung auf dem Sonnenstein ergänzen - und so nach dem Willen der Macher auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Euthanasie in der Öffentlichkeit wach halten. "Wir sehen uns als ein Ort, der sensibilisieren will", sagt Böhm.

Nach der Machtergreifung der Nazis kam der krasse Bruch: Es fing an mit Zwangssterilisationen, mit Hunger-Portionen für chronisch Kranke, nicht arbeitsfähige Patienten. Ende 1939 wurde die Einrichtung endgültig als Heilanstalt aufgelöst. Und - weitgehend abgeschirmt von der Außenwelt - zur Tötungsanstalt umfunktioniert. Was geschah, sei den Menschen in Pirna und Umgebung aber schon wegen des Gestanks und Rauchs aus den Verbrennungsöfen kaum verborgen geblieben, sagt Böhm, der sich intensiv mit der Geschichte der Einrichtung befasst hat.

Das neue Personal kam zum Teil aus der alten Anstalt, zumeist waren es Staatsbeamte aus anderen Einrichtungen in Sachsen. Nach Recherchen von Historikern gab es für die wenigen Pfleger und Ärzte, die beim systematischen Morden nicht mitmachen wollten, keine drastischen Konsequenzen. "Das Traurige ist, dass fast alle mitgemacht haben", sagt Böhm. "Einige sicherlich aus Angst, andere aber auch aus Karrieregründen oder des Geldes wegen." In nicht wenigen Fällen hätten am Ende frühere Pfleger ihre eigenen Patienten in den Tod geschickt.

dapd