Olav Hohmeyer, Mitglied im UN-Weltklimarat, mahnt im DHZ-Interview zur Klimakonferenz in Kopenhagen rechtzeitiges Handeln an. Interview: Karin Birk

"Wir müssen handeln, bevor es wehtut"
DHZ: Verschlafen wir vor lauter Finanz- und Wirtschaftskrise die Klimakatastrophe?
Hohmeyer: Wir verschlafen sie nicht, die anstehende Klimakonferenz in Kopenhagen ist ein Zeichen dafür. Allerdings ist die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema durch die Finanzkrise zurückgegangen. Deshalb müssen wir jetzt klarmachen, dass die Folgen des Klimawandels sehr viel tiefgreifender sind als die Folgen der Finanzkrise.
DHZ: Warum ist das so schwer?
Hohmeyer: Die Bankenrettung betrifft uns heute, der Klimawandel erst in 20, 30, 100 oder 500 Jahren. Dann aber haben wir die eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Das müssen wir vom Kopf her verstehen und schon handeln, bevor es wehtut. Das fällt den meisten schwer.
DHZ: Wie wichtig ist die Konferenz in Kopenhagen?
Hohmeyer: Sie ist für den globalen Klimaschutz extrem wichtig. Erstmals haben wir die Chance, dass sich die USA als großer Emittent von Treibhausgasen zu grundlegenden Reduktionsschritten bekennt. Wenn die USA mitmachen, dann kann in Kopenhagen ein Prozess angestoßen werden, in dem sich Länder wie China und Indien am Klimaschutz beteiligen und langfristig einer Begrenzung ihrer Emissionen zustimmen.
DHZ: Werden sich die Politiker auf ein bindendes Abkommen einigen?
Hohmeyer: Die Chancen auf ein bindendes Abkommen sind relativ hoch. Die Chancen für ganz genaue Reduktionsziele in den nächsten Jahren sind allerdings gering, da die USA noch ein Klimaschutzgesetz durch den Kongress bringen müssen, was zeitlich vor Kopenhagen nicht mehr machbar ist. Würde sich Obama in Kopenhagen auf ein konkretes Ziel festlegen, was er später zu Hause nicht durchsetzen könnte, würde ihm dies immer als Niederlage angerechnet. Es wäre in Kopenhagen aber schon viel gewonnen, wenn sich alle darauf einigen könnten, in einen Prozess der Reduzierung einzusteigen und im Vergleich zum Jahr 2000 bis 2050 weltweit den Ausstoß an Treibhausgasen zu halbieren.
DHZ: Und wenn dies nicht gelingt?
Hohmeyer: Dann haben wir ein Riesenproblem. Wenn wir es in den nächsten 20 Jahren nicht schaffen, die Treibhausgase merklich zu reduzieren, können wir den Trend nicht mehr umkehren. Dann wird sich das Weltklima längerfristig so stark erwärmen, dass beispielsweise die grönländischen Eisplatten ganz abschmelzen und der Meeresspiegel bis zu sieben Meter ansteigen könnte. Davon wären 25 Prozent der Weltbevölkerung betroffen.
DHZ: Was würde eine weltweite Halbierung der Treibhausgase bis 2050 für Industrieländer bedeuten?
Hohmeyer: Um dies zu erreichen, müssten Industrieländer wie Deutschland noch stärker ihre Emissionen begrenzen. Im Gespräch sind 80 Prozent. Das ist anspruchsvoll, aber machbar. Heute gehen rund 85 Prozent der Treibhausgase in Deutschland auf die Verbrennung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas zurück. Hier müssen wir ansetzen: Wir müssen Energie viel rationeller nutzen, etwa durch mehr Wärmedämmung, durch bessere Heiztechnik oder durch effizientere Maschinen. Was wir dann noch an Energie brauchen, müssen wir durch erneuerbare Energien decken. Das ist nicht nur ökologisch, das ist auch ökonomisch sinnvoll.
DHZ: Welche Chancen bietet Klimaschutz für die Wirtschaft?
Hohmeyer: Wenn wir heute in Energieeffizienz und andere Energieträger investieren, zahlt es sich schon in zehn Jahren aus. Abgesehen davon, wirken Investitionen in Klimaschutz wie ein Wachstumsprogramm. Wenn wir in Deutschland neue Technologien und sie hier einbauen, schafft das Arbeitsplätze – auch im Handwerk. Allerdings müssen wir es bald tun, sonst machen es andere.