Die Gedenkstätte Sachsenhausen wurde vor 50 Jahren in der DDR eröffnet KZ-Gedenken unter der roten Fahne

Der Tod lässt sich im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen noch heute buchstäblich mit Händen greifen: Im früheren Krematorium stehen noch die Mauerreste der Öfen aus rotem Klinkerstein. Besucher gehen um den gruseligen Ort herum, fotografieren ihn, berühren die Mauern und wissen: hierher kamen die Leichen.

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KZ-Gedenken unter der roten Fahne

Oranienburg (dapd-lbg). Der Tod lässt sich im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen noch heute buchstäblich mit Händen greifen: Im früheren Krematorium stehen noch die Mauerreste der Öfen aus rotem Klinkerstein. Besucher gehen um den gruseligen Ort herum, fotografieren ihn, berühren die Mauern und wissen: hierher kamen die Leichen. Ausgemergelte, leblose Körper von jüdischen, schwulen, behinderten oder politisch anders denkenden Häftlingen.

Vor 66 Jahren wurden die letzten KZ-Insassen befreit - und vor genau 50 Jahren errichtete ihnen die damalige DDR eine Gedenkstätte auf dem weitläufigen Gelände bei Oranienburg nördlich von Berlin. Daran erinnert nun die eindrucksvolle Ausstellung "Sachsenhausen mahnt!", die am Sonntag (17. April) eröffnet wird.

Die Sonderschau beleuchtet Erstaunliches: Schonungslos stellt sie anhand alter Plakate, Artikel und Tonaufnahmen dar, wie Politiker in Ost und West den Anlass der Gedenkstätten-Eröffnung missbrauchten, um in den heißen Zeiten des Kalten Krieges um 1961 - wenige Monate vor dem Mauerbau - jeweils den politischen Gegner schlecht zu machen.

Die Eröffnungsfeier am 22. April 1961 sei von der SED im Osten und von diversen Politikern in der Bundesrepublik "gnadenlos, rücksichtlos instrumentalisiert" worden, sagt der Historiker und Gedenkstätten-Leiter Günter Morsch. DDR-Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht war der Hauptredner jenes Tages und erhob die gestorbenen KZ-Häftlinge zu "Märtyrern" gegen die Faschisten und die "ruhmreiche sozialistische Sowjetunion" zu ihren Rettern. Tausende Überlebende hörten damals den Worten zu - wie sie reagierten, sei kaum überliefert, sagt Morsch.

Kein Wort habe Ulbricht über das sowjetische Speziallager verloren, das wenige Monate nach der Befreiung der KZ-Häftlinge an selber Stelle bis 1950 betrieben wurde. Nachdem 200.000 Inhaftierte der Nazis zwischen 1936 und 1945 unter Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit gelitten hatten und Zehntausende von ihnen starben, hielten die Sowjets 60.000 Menschen in Sachsenhausen fest. Rund 12.000 sollen im Speziallager an Unterernährung und Krankheiten umgekommen sein.

In der Bundesrepublik verlor zur Gedenkstätten-Eröffnung 1961 kaum jemand ein Wort über das KZ. Ein allgemeines Verdrängen der Schuld oder die "kollektive Amnesie", wie Morsch es nennt, habe in dieser Zeit vorgeherrscht. Wenn Sachsenhausen Thema war, dann erinnerten Zeitungsberichte und antikommunistische Politiker stets nur an die Speziallager-Vergangenheit. "Dieser ausgestreckte Zeigefinger auf beiden Seiten muss für uns Deutsche heute noch peinlich sein", sagt Morsch. Erst 1964 eröffnete die erste westliche Gedenkstätte im früheren KZ Dachau nordwestlich von München.

Zur selben Zeit blieb in der DDR die Erinnerung weiter einseitig mit Anschuldigungen gegen den Westen verbunden. Nach dem Vernichtungsterror unter dem Hakenkreuz der Nazis und den nicht minder menschenverachtenden Qualen im Speziallager der Sowjets folgten knapp 30 Jahre des dogmatischen Gedenkens unter der roten Fahne der Kommunisten. Nur wenige Schritte entfernt von den alten Bracken und dem Krematorium zeugt noch heute ein Gebäude von dieser Zeit: Das Neue Museum, in dem am Sonntag die neue Ausstellung eröffnet wird. Schon am Eingang empfängt eine heroische Glasmalerei die Besucher - bärenstarke Soldaten der Roten Armee eilen mit wehender Fahne den Opfern zu Hilfe.

Im Jahr 1996 sei Sachsenhausen die erste aller KZ-Gedenkstätten gewesen, die sich in einer Ausstellung mit ihrer eigenen Geschichte befasst hat, erläutert der Gedenkstätten-Leiter. Zwei Jahre später folgte die zweite brandenburgische Gedenkstätte im früheren KZ Ravensbrück. Nach der Wende hatte der 58-Jährige Morsch beide Orte in einem "ruinösen Zustand" übernommen. Mit seinen Mitarbeitern informiert nun seit bald 20 Jahren offen über alle Verbrechen gegen die Menschheit, die dort geschahen.

dapd