Ausweitung der Ackerflächen abgelehnt Succow fordert radikalen Umbruch der Landwirtschaft

Die alarmierenden Botschaften der Geo- und Klimaforscher müssen nach Ansicht des Greifswalder Geobotanikers Michael Succow zu radikalen Veränderungen in der Landwirtschaft führen. Weder die ohnehin nur begrenzte Ausweitung der Ackerflächen noch der Einsatz von Kunstdüngern seien akzeptable Optionen, sagte der Träger des Alternativen Nobelpreises in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd.

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Succow fordert radikalen Umbruch der Landwirtschaft

Greifswald (dapd). Die alarmierenden Botschaften der Geo- und Klimaforscher müssen nach Ansicht des Greifswalder Geobotanikers Michael Succow zu radikalen Veränderungen in der Landwirtschaft führen. Weder die ohnehin nur begrenzte Ausweitung der Ackerflächen noch der Einsatz von Kunstdüngern seien akzeptable Optionen, sagte der Träger des Alternativen Nobelpreises in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dapd. Das Gebot der Stunde sei die Humusvermehrung vor allem auf den Äckern.

Succow sagte, seit seiner Geburt vor 70 Jahren habe sich weltweit die Zahl der Menschen verdoppelt, während sich der Energieverbrauch verdreifacht und der Wasserverbrauch sogar vervierfacht habe. "Unsere mit Leben erfüllte Erde altert vorzeitig, nicht mehr natürlich, sie altert durch uns Menschen mit rasantem Tempo." Die Haut dieser Erde, die Boden- und Vegetationsdecke schrumpfe, und die Wunden würden immer größer.

Succow sagte, er habe in seinem Leben zwei Wirtschaftssysteme erlebt, die in ihrem Umgang mit der Natur und ihrer Ausrichtung auf unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum doch sehr ähnlich seien. Nachdem der real existierende Sozialismus mit seinem Kernsatz "Im Mittelpunkt steht der Mensch" gescheitert sei, erlebe er jetzt eine noch effizientere Ökonomie, die noch mehr Werte zerstöre und deren Wohlstand freudlos mache. "Keine Generation vor uns hat ihre Lebensgrundlage, den Kapitalstock Natur, in einem solchen Ausmaß beeinträchtigt und reduziert wir in den letzten 30 Jahren!"

Der ungezügelte, globalisierte Finanzkapitalismus sei dabei, die Zukunft der menschlichen Gesellschaft, das Naturkapital kurzfristig aufzuzehren und zu vernichten. Der Kipppunkt sei seines Erachtens schon erreicht, es sei nicht mehr fünf vor, sondern fünf nach zwölf, mahnte Succow. Fruchtbare Oasenkulturen seien zu lebensfeindlichen Salzwüsten, Regen spendende Urwälder zu tropischen Wüsten geworden. Torf speichernde Moore seien entwässert und zu Kohlendioxid-Bomben geworden.

Nach fast totalem Nutzungsanspruch auf die gesamte Landschaft müssten im westlichen Europa Naturentwicklungsgebieten mit werdender Wildnis mehr Raum gegeben werden. Dass gegenwärtig nur 0,52 Prozent der Landfläche Deutschlands als Nationalparks gesichert seien, Deutschland damit den siebtletzten Platz der 38 europäischen Staaten einnehme, sei ein tragisches Kapitel der Naturschutzgeschichte des Landes.

dapd