Pillen-Wirrwarr in der Hausapotheke, ärgerliche Patienten, gefährliche Nebenwirkungen: Ärzte und Apotheker haben am Dienstag gemeinsam ein neues Konzept zur Arzneimittelversorgung vorgeschlagen, das Kranke vor Risiken schützen und zudem Milliardenkosten sparen soll. Die Krankenkassen wittern jedoch eine Finte. In Wirklichkeit gehe es Ärzten und Apothekern nur um eine Honorarerhöhung.
Neues Konzept soll Nebenwirkungen vermeiden und Milliarden sparen
Berlin (dapd). Pillen-Wirrwarr in der Hausapotheke, ärgerliche Patienten, gefährliche Nebenwirkungen: Ärzte und Apotheker haben am Dienstag gemeinsam ein neues Konzept zur Arzneimittelversorgung vorgeschlagen, das Kranke vor Risiken schützen und zudem Milliardenkosten sparen soll. Die Krankenkassen wittern jedoch eine Finte. In Wirklichkeit gehe es Ärzten und Apothekern nur um eine Honorarerhöhung.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände beschrieben zahlreiche Probleme bei der Versorgung. So würden viele verschriebene Arzneien gar nicht genommen, erklärte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller. "Bei Langzeittherapien liegt die Einnahmetreue bei lediglich 50 Prozent." Allein die Apotheker entsorgten jährlich nicht geschluckte Arzneien für mehr als eine Milliarde Euro. Seit Einführung der Rabattverträge verstünden Patienten oft nicht, warum sie ein anderes als das verschriebene Präparat bekommen.
Doch auch wenn die verschriebenen Mittel geschluckt werden, ist dies bisweilen nicht ungefährlich. Fast sieben Millionen Kassenpatienten bekommen den Angaben zufolge täglich fünf Medikamente oder mehr. Je mehr ein Patient einnehme, desto größer sei das Risiko, ergänzte ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf. "Unerwünschte Arzneimittelereignisse" seien der Grund für etwa fünf Prozent aller Krankenhausaufnahmen. Bei älteren Patienten seien es bis zu 30 Prozent. Zwei Drittel dieser Fälle seien wahrscheinlich vermeidbar, meinte Wolf.
In ihrem Gegenkonzept setzen Ärzte und Apotheker auf "Medikationsmanagement". Es soll sich an chronisch kranke Patienten richten, die mindestens fünf Arzneimittel dauerhaft einnehmen. Jeweils ein Arzt und ein Apotheker sollen für ein Jahr gemeinsam die Betreuung übernehmen und einen vollständigen Medikationsplan erstellen, um Risiken zu vermeiden.
Ärzte sollen nicht ein bestimmtes Präparat, sondern einen Wirkstoff, Stärke, Menge und Darreichungsform verordnen. Der Name des Wirkstoffs soll künftig auf allen Arzneimittelpackungen deutlich lesbar sein. Der Apotheker soll dann das Präparat mit dem entsprechenden Wirkstoff auswählen.
Allerdings bestehen die Ärzte darauf, dass gleichzeitig ihre Budgetdeckel gelockert werden. Es sei "Bedingung für das Konzept ist, dass die Richtgrößenprüfungen dann wegfallen", meinte Müller. Zudem wäre das vorgeschlagene Modell nur schwer vereinbar mit dem jetzigen System der Rabattverträge.
Ärzte und Apotheker versicherten, die Krankenkassen könnten trotzdem mit dem neuen Modell viel Geld sparen. Denn nicht genommene Arzneien und Nebenwirkungen verursachten Milliardenkosten. Die mögliche Ersparnis bezifferte Wolf ab 2014 auf 2,1 Milliarden Euro.
Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung reagierte skeptisch. "Mit ihren Vorschlägen bauen Ärzte und Apotheker eine Nebelwand auf, hinter der es wieder nur um eine weitere Honorarerhöhung für beide geht", erklärte Sprecher Florian Lanz. "Die Vorschläge führen nicht weiter, sondern beschreiben lediglich das, was eigentlich längst Standard sein sollte." Auf Richtgrößen als Sparbremse für die Arzneimittelverordnung wollen die Kassen nicht verzichten.
dapd
